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Dirk Müller: Das Märchen von der ewigen Hausse

Die Aktienkurse scheinen nur noch eine Richtung zu kennen – aufwärts. Doch so einfach ist es leider nicht, und langfristige Geldanlage ist immer noch etwas anderes als Zocken.

Trügerische Goldgräberstimmung

Die Aktienmärkte sind in diesen Monaten in privaten Gesprächen so präsent wie seit den späten 1990er Jahren nicht mehr. Verrückte Kurssprünge, junge Leute, die noch aus dem Klassenzimmer heraus Millionen an der Börse verdienen - und manchmal auch wieder verlieren - und natürlich die fast schon verzweifelte Suche nach irgendeiner sinnvollen Anlagealternative, zwingen die Menschen fast schon, sich doch spätestens jetzt endlich mal mit der Börse zu befassen.

Bei all der Goldgräberstimmung ließe man sich hier auch gerne mitreißen, wäre da nicht so ein komisches Bauchgefühl, dass das alles nicht so ganz mit rechten Dingen zugehen kann. Was ist nun wirklich los? Sind es wirklich diese „Goldilocks“-Zeiten, in denen alles in perfekter Konstellation steht und alles andere als weiter steigende Preise ausgeschlossen ist, oder sind wir nahe dem Höhepunkt der Achterbahn wie beispielsweise 1929 oder 1999, als der fulminante Anstieg mit einem noch fulminanteren Absturz beendet wurde?

Um die aktuelle Lage halbwegs einschätzen zu können – was selbst den erfahrensten Experten derzeit nicht leichtfällt – ist es wichtig, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären.

Börsen: Vom Zweck zum Selbstzweck

Wenn ich frage „Was ist der Sinn der Börse?“, werden die meisten antworten: „Der Handel mit Aktien!“ Das ist aber nur der zweite, unwichtigere Teil der Börse. Die Aufgabe der Börse - vom Tag ihrer Gründung an - war es, Menschen mit tollen Ideen und Erfindungen, aber ohne Geld, mit jenen Menschen zusammenzubringen, die Geld, aber keine eigenen Ideen hatten, etwas zu erfinden. Diese haben sich zusammengetan, eine Aktiengesellschaft gegründet und die Welt vorangebracht. Eine Aktiengesellschaft zu gründen, indem man neue Aktien (Anteile am neuen Unternehmen) schafft und Investoren mit an Bord nimmt, war der wichtigste Teil der Börse. Der Primärmarkt. Er existiert heute kaum noch.

Der Handel mit „gebrauchten“ Aktien, war einst nur ein Anhängsel. Er hatte die Aufgabe, dem Investor die Möglichkeit zu geben, sich jederzeit neu zu entscheiden und nicht ein Leben lang an einer einmal getroffenen Investmententscheidung hängenzubleiben. Es läuft nicht so gut? Ich verkaufe – mit Gewinn oder Abschlag – und investiere das Geld in ein besseres Unternehmen.

Dieser Sekundärmarkt war nötig, aber eben nur das Anhängsel, um das Geld sinnvoll unter den Unternehmen aufzuteilen. Er war nie Selbstzweck – zumindest so lange, bis die Börsen aus der staatlichen Trägerschaft, deren Sinn es war, die jeweilige Wirtschaft mit Kapital zu versorgen, in die Trägerschaft privater Börsenbetreiber überführt wurden. Denen war das hehre Anliegen ziemlich nebensächlich. Sie wollten verständlicherweise vor allem selbst Geld verdienen.

Da Börsenbetreiber vom Umsatz leben, ist es für sie recht uninteressant, wenn der Investor einmal kauft und sich erst Monate oder Jahre später einmal anders entscheidet und seine Aktien tauscht. Je häufiger Aktien den Besitzer wechseln, desto mehr Gebühren fallen an, desto mehr Ertrag. Also wurden die Regeln und Usancen zunehmend verändert und permanentes Kaufen und Verkaufen im Sekundentakt – früher verpönt und verhindert – wurde zum neuen Selbstzweck.

Die Börse ist zum Casino mutiert – und hier gelten andere Regeln

Wer heute Siemens-Aktien kauft und sie eine Sekunde später wieder verkauft, dem ist es völlig egal, was in dem Unternehmen passiert. In dieser Sekunde hat sich im Unternehmen absolut nichts verändert. Es ist nicht wertvoller und nicht wertloser geworden, und dennoch hat sich der Preis verändert.

Während sich Preise früher kaum bewegt haben, und wenn, dann meist, weil es Neuigkeiten aus den Unternehmen gab, springen die Kurse für Unternehmen heute wie die Gummibälle hoch und runter – manchmal ganz ohne Meldungen.

Die Kurssprünge innerhalb eines Tages entsprechen heute oftmals dem, was man früher in einem Jahr gesehen hatte. Das hat nichts mehr mit dem tatsächlichen Geschäftsverlauf einer Firma zu tun, was ein echter Investor eigentlich gerne hätte, sondern ist rein der Tatsache geschuldet, dass die Börsen zu einem in sich geschlossenen Casino geworden sind, in dem es fast egal ist, was tatsächlich in den Unternehmen los ist.

Die wenigsten „Spieler“ haben überhaupt noch eine Ahnung, was dieses oder jenes Unternehmen, auf das sie für ein paar Sekunden oder Stunden wetten, überhaupt macht, oder wie es um die Firma bestellt ist. Es geht nur darum, einen Dummen zu finden, der mir in zwei Stunden mehr bezahlt, als ich eben selbst bezahlt habe. Besonders in den USA ist aus dem Casino inzwischen ein Kriegsschauplatz geworden, wo sich verschiedene Anlegergruppen faktisch bekriegen und in den Hinterhalt locken, um am Zusammenbruch des jeweils anderen zu verdienen.

Da sind keineswegs mehr nur die großen Investment-Haie unter sich, sondern auch ganze Heerscharen von jungen Privatleuten, die sich während der Lockdown-Langeweile per Online-Chat zusammenschlossen, um verrückte Kursbewegungen auszulösen und andere Markteilnehmer in Schwierigkeiten zu bringen.

Bei aller Faszination, die dieses Spektakel an den Börsen auslöst, sei die eingangs gestellte Frage in Erinnerung gerufen: Ist das der Sinn der Börse? Es war der Sinn, die Wirtschaft zu finanzieren - und nicht, Geld zu verdienen, indem man manipuliert, trickst und betrügt, um am Schaden anderer reich zu werden. Vieles davon ist in der Tat strafrechtlich bewährt, wird aber kaum noch geahndet.

Jede Börsenphase hat ihre eigenen Gesetze!

Ich selbst bin seit über 30 Jahren an der Börse. In dieser Zeit hatte jede Börsenphase ihre eigenen Gesetze. Meine persönliche Erfahrung und die nachzulesende Börsengeschichte der letzten 400 Jahre lehrt, dass diese immer wiederkehrenden Verrücktheiten, in denen sich das Börsengeschehen so grotesk vom eigentlichen Sinn und Zweck entfernt, an einem nicht vorhersagbaren Punkt abrupt enden und eine extreme und turbulente Bereinigung einleiten. Je verrückter und anhaltender die Übertreibungen zuvor, desto heftiger die Korrektur.

Vergleichen Sie es mit einem Gummiband. Je weiter Sie es dehnen, bevor Sie loslassen oder es gar reißt, umso heftiger schnalzt es zurück, um danach wieder in seinen Normalzustand überzugehen. Solche Ereignisse bleiben dann eine Weile im Gedächtnis der aktiven Teilnehmer haften und verhindern eine Zeit lang eine Wiederholung. Man denke exemplarisch an die Tulpenblase im 17. Jahrhundert, den großen Crash von 1929, das Platzen der „Dot-Com-Blase“ 2000 oder den Lehman Crash 2008.

Doch je länger dann alles gut geht und je mehr neue Teilnehmer ohne die alten Erfahrungen in den Markt kommen, umso wahrscheinlicher ist es, dass es bald wieder von vorne losgeht. Die meisten jungen und mutigen Investoren, sei es am Handy, in der Uni oder an den Computern der Investmentbanken, haben nie einen echten Crash erlebt. Sie kennen nur mehr als zehn Jahre Aufschwung mit relativ kleinen Korrekturen, zu denen sogar die Ereignisse vom Frühjahr 2020 zu zählen sind. Entsprechend groß ist die Sorglosigkeit und die sichere Überzeugung, dass schwere Crashs der Vergangenheit angehören und Aktien immer steigen werden. Das war tatsächlich der Slogan in den sozialen Medien der letzten Monate: „Stocks always go up!“ (Aktien steigen immer!).

Niemand kann sagen, wie lange das Gummiband noch gedehnt werden kann oder wann es reißt. Aber kann man ein Gummiband unendlich lange dehnen? Entscheiden Sie selbst.

„Diesmal ist alles anders!“ – Einer der teuersten Sätze an der Börse

Der berühmte „Buffett-Indikator“, der Überbewertungen an den Börsen recht gut signalisiert, steht mit 230 Prozent auf dem höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg und deutlich über dem Höchststand von 150 Prozent an der Spitze der Dot-Com-Blase im Jahr 2000. Viele andere Indikatoren zeigen Vergleichbares.

Einer der teuersten Sätze an der Börse ist bis heute der Satz „Diesmal ist alles anders, es kann nichts passieren.“ Den habe ich 1999 und 2008 gehört - und viele Börsianer vor mir ebenfalls. Heute hört man ihn wieder: „Sie wissen doch, die Notenbanken werden weiter drucken“. Bislang stimmt das Argument, aber es ist zugleich der einzige Grund, aus dem die Menschen seit Monaten, wenn nicht seit einigen Jahren, blind fast jede Aktie kaufen. „Die Notenbanken“. Was, wenn dieses Argument eines Tages – aus welchem Grund auch immer – entfällt?

Die damit gemeinten Anleihekäufe der Notenbanken haben einen grotesken Nebeneffekt, wenn sie nahezu jede Anleihe, die sie auf dem Markt bekommen können, zu absurden Preisen kaufen und somit neu geschaffenes Geld in Umlauf bringen. Die Zinsen sinken dadurch in den negativen Bereich.

Negativzinsen – Eine groteske, historisch einmalige Marktanomalie

Was Anleger um den Schlaf bringt, hat einen oft nicht beachteten zusätzlichen Aspekt. Zinsen sind der Kompass der Geldanlage. Man verleiht Geld gegen Zins. Der Zins soll in erster Linie das Risiko ausgleichen, dass der Entleiher möglicherweise das Geld nicht wird zurückzahlen können. Wenn Sie Geld für fünf Prozent Zins im Jahr verleihen, dann haben Sie sogar dann nichts verloren, wenn fünf Prozent Ihrer Schuldner jährlich ausfallen. Darüber hinaus wollen Sie auch noch etwas verdienen, also werden Sie Ihr Geld für sechs oder sieben Prozent verleihen.

Je höher das Risiko, dass Ihr Schuldner in die Pleite geht, desto höher der Risikozins, den Sie benötigen, und auf den dann noch der gewünschte Ertragszins dazu kommt. Wenn Sie den perfekten Schuldner hätten, der garantiert nie pleitegehen kann – und den gibt es nicht, selbst Staatspleiten gehören zur geschichtlichen Norm –, wäre das Risiko bei null Prozent. Es kann aber niemals negativ werden. Sind aber, wie in den vergangenen Monaten, die Zinsen für Anleihen bei null Prozent oder gar negativ, dann ist das eine groteske Marktanomalie, die bislang einmalig in der Geschichte ist.

Es wird so getan, als gäbe es ein negatives Risiko. Als würde man mit der Überraschung rechnen, dass einem jemand Geld zurückzahlt, dem man gar keines geliehen hatte. Sie sehen, wie absurd die Lage ist. Risiko wird nicht mehr bezahlt - und somit auch im Zins nicht abgebildet. Wir tun an den Zins- und Aktienmärkten so, als gäbe es nicht nur kein Risiko, sondern als gäbe es ein negatives Risiko. Man hat faktisch eine Verlustgarantie. Am Ende der Laufzeit hat man garantiert weniger Geld als vorher.

Bei allen Argumenten, die man Ihnen erzählen will, warum dies das „neue Normal“ wäre („Diesmal ist alles anders“), geht es nur um eines, das ich hier in aller Deutlichkeit benennen möchte: Jeder hofft darauf, einen Dummen zu finden, der ihm mehr bezahlt, als man selbst bezahlt hat, bevor die Musik aufhört zu spielen. Reise nach Jerusalem XXL. Jeder meint, mitmachen zu müssen, weil es alle machen und vermeintlich die Alternativen fehlen.

„Was heißt das konkret für mich!?“

Wie man nun sein Geld anlegen soll, das hängt sehr von den persönlichen Umständen und den eigenen Zukunftserwartungen ab. Ich für meinen Teil habe mich für Aktien starker Unternehmen entschieden, die ich gleichzeitig - und bis auf Weiteres - gegen Kursrückgänge versichert habe. Sachwerte mit Sicherheitsnetz sozusagen. Das bringt mir derzeit kaum Ertrag, lässt mich aber Einbrüche und schwere Verwerfungen weitgehend unbeschadet überstehen.

Autor: Dirk Müller

Zuerst wurde der Artikel auf Cashkurs.com veröffentlicht.


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Gastautor: Dirk Müller
20.10.2021, 16:45  |  7832   |   |   

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