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     745  0 Kommentare Schweden ist heute viel kapitalistischer als die USA

    Schweden gilt für manche Menschen als ein Land des „demokratischen Sozialismus“. Doch das ist ein großer Irrtum.

    In einer Umfrage zum Image der Marktwirtschaft und des Kapitalismus, die ich für mein Buch „In Defense of Capitalism“ durch das Institut Ipsos MORI durchführen ließ, zeigte sich, dass Schweden zur Spitzengruppe der Länder mit einer Pro-Marktwirtschaftseinstellung gehört. Nur in sechs von insgesamt 34 Ländern unterstützen die Menschen noch stärker die Marktwirtschaft! Wenn man in der Fragestellung ausdrücklich den Begriff Kapitalismus verwendet, sinkt die Zustimmung, aber auch dann gibt es nur neun Länder, die positiver zum Kapitalismus stehen als Schweden, aber 24 Länder, die eine negativere Einstellung zum Kapitalismus haben.

    Eine andere, ebenfalls von Ipsos MORI durchgeführte Umfrage, ergab, dass der Sozialneid gegen Reiche in Schweden deutlich geringer ist als etwa in Deutschland und Frankreich und auf dem gleichen (vergleichsweise niedrigen) Niveau liegt wie in den USA.

    Wenn Schweden mal ein sozialistisches Land war, dann ist das schon einige Jahrzehnte her. Aber so wie an Menschen ihr Image oft noch lange und zäh klebt, wenn sie sich längst geändert haben, so ist es auch bei Nationen. Wir sind ganz generell nur sehr langsam bereit, unser lieb gewonnenes Bild von einer Nation zu ändern.

    In dem Ranking des Index of Economic Freedom (auch Kapitalismus-Skala genannt) gehört Schweden zu der Gruppe der zehn am stärksten marktwirtschaftlich ausgerichteten Volkswirtschaften. Mit Rang 10 liegt es im Index der wirtschaftlichen Freiheit 2023 weit vor den USA (Rang 25). Bemerkenswert ist vor allem das Ausmaß der Veränderungen. In dem Scoring des Index legte Schweden in den letzten 28 Jahren um 16 Punkte zu – von 61,4 Punkten (1995) auf 77,5 Punkte (2023). Nur in Ländern wie Vietnam und Polen gab es einen noch etwas größeren Zuwachs an wirtschaftlicher Freiheit. Zum Vergleich: Die USA verloren in diesem Zeitraum in dem Index sechs Punkte und stehen mit 70.6 Punkten heute deutlich hinter Schweden.

    Gleichwohl: Wer nach sozialistischen Elementen in Schweden sucht, der findet diese auch. Die schwedischen Staatsausgaben sind noch immer hoch, sie betrugen in den Jahren 2020 bis 2022 49,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Und die Steuerlast in Schweden ist zwar lange nicht mehr so hoch, wie sie einmal war, aber der Spitzensteuersatz für Einzelpersonen liegt heute bei hohen 55 Prozent und der Spitzensteuersatz für Unternehmen bei 20,6 Prozent. Doch viele Menschen wissen nicht, dass es andererseits – im Unterschied zu den meisten Ländern – in Schweden inzwischen keine Erbschaft-, Schenkung- und Vermögensteuer mehr gibt, die allesamt abgeschafft wurden.

    Sozialistische Elemente finden sich also durchaus in Schweden, auch wenn die kapitalistischen Merkmale heute überwiegen. Das Image von Schweden und anderen skandinavischen Ländern als »sozialistisch« kommt aus den 1970er- und 80er-Jahren. Noch 1960 kamen auf 100 Schweden, die ihr Einkommen überwiegend in der Privatwirtschaft erwirtschafteten, 38, die ihr Geld vom Staat erhielten. 1990 dagegen kamen auf 100 Personen, die ihr Geld in der Privatwirtschaft verdienten, 151, die ihr Geld überwiegend vom Staat bezogen. Die Zahl der Erwerbstätigen in der freien Wirtschaft nahm in diesem Zeitraum von drei Millionen auf 2,6 Millionen ab, während die Zahl der Personen, die ihr Geld überwiegend vom Staat bekamen, von 1,1 Millionen auf 3,9 Millionen gewachsen war.

    Die radikale sozialistische Politik stieß selbst wohlmeinende Anhänger der Sozialdemokratischen Partei vor den Kopf. Ein Beispiel dafür ist die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, die durch Figuren wie »Pippi Langstrumpf« weltberühmt wurde. In den 30er-Jahren war sie zu einer Anhängerin der Sozialdemokraten geworden. Aber auch Lindgren war von den hohen Steuersätzen betroffen und machte ihrer Empörung Luft, indem sie in einer führenden schwedischen Tageszeitung ein »Steuermärchen« veröffentlichte und dort vorrechnete, dass ihre Steuerbelastung bei 102 (!) Prozent liege.

    Ab den 90er-Jahren kam es zu einer umfassenden Gegenbewegung, die zwar den Hochsteuer- und Wohlfahrtsstaat in Schweden nicht grundsätzlich infrage stellte, aber doch viele Auswüchse beseitigte. Im Jahr 1990/91 gab es eine große Steuerreform, in allen Bereichen wurden die Steuern gesenkt. Schweden schaffte später die Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögensteuer ab. Die Zahl der Milliardäre in Schweden ist seitdem stark gestiegen. Bernie Sanders, der irrtümlicherweise manchmal Schweden als Modell für seinen „Sozialismus“ anführte, fordert in seinem Buch „It’s okay to be angry about capitalism“, dass es keinen einzigen Milliardär in den USA geben dürfe. In Schweden, das weiß er vermutlich nicht, ist heute die Zahl der Milliardäre – bezogen auf die Bevölkerungsgröße – 60 Prozent höher als in den USA.

    Rainer Zitelmann ist Autor des Buches „In Defense of Capitalism“ 


    Rainer Zitelmann
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    Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe - und zugleich ein erfolgreicher Investor. Er hat zahlreiche Bücher auch zu den Themen Wirtschaft und Finanzen* geschrieben und herausgegeben, viele davon sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. * Werbelink
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    Verfasst von Rainer Zitelmann

    Schweden ist heute viel kapitalistischer als die USA Schweden gilt für manche Menschen als ein Land des „demokratischen Sozialismus“. Doch das ist ein großer Irrtum.

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