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    Deutsche Wirtschaft  10349  0 Kommentare Was der deutschen Wirtschaft wirklich fehlt – IWF mahnt zu wichtigen Reformen

    Eine neue IWF-Analyse zeigt: Es sind nicht die Energiepreise, die die deutsche Wirtschaft bremsen. Das Land hat tiefer liegende Probleme, erkkärt unser Gastautor Bryan Perry.

    Für Sie zusammengefasst
    • Energiepreise sind nicht das Problem
    • Deutsche Wirtschaft schwächelt
    • IWF fordert Reformen und mehr Investitionen

    Als einziges G7-Land ist die deutsche Wirtschaft im Vorjahr geschrumpft. Und der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Anfang des Jahres seine Konjunkturprognose für Deutschland im laufenden Jahr von 0,9 Prozent nach unten korrigiert: Der IWF traut der deutschen Wirtschaft 2024 nur noch ein Wachstum von mageren 0,5 Prozent zu, während die Konjunktur der USA viermal stärker zulegen sollte und die übrigen Top-Industrieländer rund dreimal so viel.

    Sündenbock "Energiepreise" war gestern!

    Die Bundesregierung sieht die Ursache in den hohen Energiepreisen. Billiges russisches Gas hätte Deutschland erst zum Exportweltmeister gemacht. Und das Ende kostengünstiger Energie sei nun auch das Ende der Deutschland AG. Eine neue Analyse von IWF-Ökonomen aber zeigt: Es sind nicht die Energiepreise. Das schwache deutsche Wachstum sei einer "Kombination aus vorübergehenden Faktoren, aber vor allem einigen tiefer liegenden strukturellen Faktoren geschuldet", die Deutschland zur roten Laterne machen.

    Die hohe Inflation habe den Konsum gedämpft, die höheren Leitzinsen wiederum die Bauwirtschaft und andere zinssensitive Branchen. Und generell habe die Erholung der Weltwirtschaft nach der Pandemie eher dem Dienstleistungssektor als der Industrie geholfen. Diese Faktoren verlieren aus Sicht des Weltwährungsfonds jedoch zunehmend an Bedeutung.

    Der Export-Meister Deutschland lebt!

    "Der Anstieg der Gaspreise erwies sich als temporär. Die Großhandels-Gaspreise liegen, nachdem sie 2022 hochgeschossen sind, wieder auf dem Niveau von 2018", schreiben die IWF-Ökonomen in ihrer Analyse. Auch andere, oft genannte Ursachen für die Konjunkturschwäche seinen überzogen dargestellt worden. Es gebe auch gute Nachrichten: "Deutschlands Wachstumsmodell ist nicht irreparabel kaputt."

    Positive Anzeichen sieht der IWF beispielsweise beim Handelsüberschuss des einstigen Export-Meisters, der deutlich auf 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen ist, "niedriger als die exzessiven Überschüsse der Jahre vor der Pandemie, aber über dem Schnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte", so die Einordnung der Volkswirte. Sie schätzen, dass der vorübergehende Gegenwind aus Energiekrise und nachfolgenden Effekten in den nächsten ein bis zwei Jahren allmählich nachlassen dürfte.

    Furcht vor Deindustrialisierung übertrieben

    Die Furcht vor einer "weitverbreiteten Deindustrialisierung" hält der IWF ebenso für überzogen Die energieintensive Chemie-, Metall- und Papierindustrie sei zwar geschrumpft, mache aber ohnehin nur 4 Prozent der deutschen Volkswirtschaft aus. Die Automobilindustrie ist dagegen im vergangenen Jahr um 11 Prozent gestiegen. 2023 stiegen die Exporte von Elektroautos um 60 Prozent, so die IWF-Analyse. Allein Volkswagen und BMW hätten mehr als 10 Prozent des weltweiten Elektrofahrzeugabsatzes ausgemacht.

    Darüber hinaus hätte sich das verarbeitende Gewerbe insgesamt an Energiekrise und Lieferkettenunterbrechungen angepasst, indem sie auf Produkte mit höherer Wertschöpfung umgestiegen sei und weniger Vorleistungen eingesetzt habe. Unter dem Strich bleibe also, trotz sinkender Industrieproduktion, die Wertschöpfung gleich. Mit anderen Worten, sei "die Industrieproduktion ein weniger brauchbarer Indikator für die Konjunktur", stellen die Analysten fest.

    Grund für übertriebenen Optimismus sieht der IWF allerdings nicht. Mittelfristig gebe es "hohe Hindernisse", die das Wirtschaftswachstum nach unten drücken. Deutschland wehe ein grundlegender struktureller Gegenwind entgegen: Ohne Reformen werde das schleppende Produktivitätswachstum wahrscheinlich bestehen bleiben. Während ein weiteres Hindernis – die Bevölkerungsalterung – sich stark beschleunigen werde.

    Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus – so schnell wie nirgendwo sonst

    Nachdem die Zuwanderung nach Deutschland zuletzt nachgelassen habe und die Babyboomer in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand gehen, "wird die Erwerbsbevölkerung in Deutschland stärker zurückgehen als in allen anderen G7-Ländern", so der IWF. Das werde viel Wohlstand kosten. Das Pro-Kopf-BIP werde unter Druck geraten, da auf jeden Rentner weniger Arbeitskräfte kommen. Die Rentenbeiträge werden steigen, während die Auszahlungen sinken.

    Darüber hinaus werde eine ältere Bevölkerung mehr Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch nehmen und Arbeitskräfte aus anderen Branchen abziehen. Der Arbeitskräftemangel könne zudem Investitionen abschrecken – und werde sich immer mehr verschärfen. Um der schrumpfenden Arbeitsbevölkerung entgegenzuwirken, plädieren die IWF-Volkswirte unter anderem für mehr Zuwanderung.

    IWF liefert konkrete Lösungsvorschläge!

    Deutschland müsse dringend "die Produktivität erhöhen", um der Wirtschaft wieder mehr Schwung zu verleihen, mahnen die Ökonomen. Konkret gibt der IWF der Bundesregierung Reformvorschläge in drei maßgeblichen Gebieten an die Hand:

    Reform der Schuldenbremse und mehr Investitionen

    Dringenden Handlungsbedarf sieht der IWF bei den "unzureichenden Investitionen in die Infrastruktur". "Seit den 1990ern sind die öffentlichen Investitionen in Deutschland gesunken", und reichten seitdem kaum aus, die Substanz zu erhalten, mahnt der Weltwährungsfonds. Deutschland liege bei den Investitionen auch international an der unteren Kante im Ranking der fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Oftmals werde für öffentliche Investitionen budgetiertes Geld noch nicht einmal ausgegeben, aufgrund von Personalmangel, betonen die Ökonomen. Die Planungskapazität der Kommunen könnte der Staat durch Beratungsprogramme wie der "Partnerschaft Deutschland" erweitern, regen die IWF-Experten an.

    Um öffentliche Investitionen anzukurbeln, schlagen die IWF-Experten eine Reform der Schuldenbremse vor – eine Vorgehensweise, die auch unter Ökonomen und Politikern mittlerweile seit Monaten debattiert wird. Die Chance wäre da, betonen die IWF-Volkswirte: "Die Schuldenbremse könnte um rund 1 Prozent des BIP gelockert werden, und Deutschlands Schulden würden dennoch, als Anteil am BIP, sinken." Derzeit liegt die Schuldenobergrenze bei 0,35 Prozent .

    Mehr Frauen in Arbeit

    Ein Ansatz, der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung entgegenzuwirken, wäre, mehr Frauen in Arbeit zu bringen: Durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen ließe sich dieser Missstand zumindest etwas dämpfen. "Es gibt 2,3 Millionen weniger erwerbstätige Frauen als unter Männern, und die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in Teilzeit arbeiten, ist fünf Mal höher", erklären die Volkswirte. Der Ausbau des Zugangs zu verlässlicher Kinderbetreuung und eine Senkung der Steuern für Zweitverdiener bei verheirateten Paaren könnten hier aus Sicht der Experten Anreize schaffen.

    Weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung!

    Aus Sicht des IWF behindert – trotz der jüngsten Gesetze zum Bürokratieabbau – immer noch zu viel Regulierung sowohl Investitionen als auch die Gründung neuer Unternehmen. "Es dauert beispielsweise fünf bis sechs Jahre, bis die Genehmigung für den Bau eines Onshore-Windparks erteilt wird. Und es dauert 120 Tage, um eine Gewerbelizenz zu halten, mehr als doppelt so lange wie im OECD-Durchschnitt", stellt der IWF fest. Mehr digitale Behördenangebote könnten derartige Prozesse deutlich beschleunigen. Aber auch bei der Digitalisierung staatlicher Leistungen hinke Deutschland anderen Ländern deutlich hinterher.

    Deutschland stehe vor wichtigen ökonomischen Herausforderungen, aber das Land besitze auch die richtigen politischen Hebel, um diese zu überstehen und sich eine leuchtende wirtschaftliche Zukunft zu sichern, resümieren die IWF-Experten. Deutschland könne seine Probleme in den Griff bekommen, wenn die Politik jetzt zu mutigen Reformen bereit sei.

    Tipp aus der Redaktion

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