Warren Buffett
Der alte Mann und das "Mehr"
Mit 93 Jahren leitet Warren Buffett weiterhin Berkshire Hathaway. Der Altmeister hat Fans uns Bewunderer. Wie geht es für Berkshire weiter? Sind die besten Zeiten für die beliebten Aktien der Holding schon vorbei?
- Buffett leitet Berkshire Hathaway mit 93 Jahren.
- Experten zweifeln an erfolgreicher Zukunft der Aktien.
- Buffetts Nachfolger könnten Erbe nicht erfolgreich fortführen.
- Report: Achtung, Korrektur!
Mit 93 Jahren steht Börsenlegende Warren Buffett weiterhin an der Spitze von Berkshire Hathaway. Buffett hat Fans und Bewunderer – aber haben die berühmten Berkshire-Hathaway-Aktien Zukunft? Deren beste Zeiten könnten schon vorbei sein.
"Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit 84 Tagen hatte er keinen Fisch gefangen."
Ist es der erste Satz aus Hemingways "Der alte Mann und das Meer", der die Situation am besten charakterisiert, in welcher sich heute Warren Buffett befindet? Der große alte Mann, mittlerweile eine
Legende in der Finanzbranche: Er ist das Gesicht von Berkshire Hathaway, der berühmtesten börsennotierten Beteiligungsgesellschaft der Welt. Noch immer trifft der mittlerweile 93-jährige Buffett
bei Berkshire die meisten Entscheidungen. Aber sind es auch die besten?
Über Jahrzehnte fischte der legendäre Investor aus dem Marktmeer zuverlässig die größten Fische, auch und gerade bei Sturm. Man denke an die Finanzkrise 2007 bis 2009, da er die Nerven behielt und kaufte, als die Börsen krachten. Seine Kaltblütigkeit bescherte ihm Milliardengewinne.
Zur Jahrtausendwende, als die Dotcom-Blase platzte und Dollarmilliarden an Aktienkapital versenkt wurden, zeigte sich der Berkshire-CEO unbeeindruckt. Er war im Hafen geblieben. Weil er die Geschäftsberichte der frisch an die Börsen gebrachten Aktienfirmen, die von den Chancen dieses neuen Internets schwärmten, bis zum Ende gelesen hatte: Dort hinten waren die operativen Verlustzahlen in kleiner Schrift abgedruckt …
Glorreiche Vergangenheit
Doch das sind Geschichten aus glorreicher Vergangenheit. Zuletzt waren es kleinere Fische, die dem alten Mann ins Netz gingen. Waren überhaupt noch nennenswerte Exemplare dabei oder zehrt der
Starinvestor aus Omaha vor allem vom Ruhm vergangener Tage?
Darüber gibt normalerweise der Kurs einer Aktie dem Anleger Auskunft. Der liegt bei Berkshire-Hathaway-Aktien der Klasse A (WKN: 854075) um die 560.000 EUR. Die Marktkapitalisierung beträgt 325 Mrd. EUR. Klasse-B-Aktien (WKN: A0YJQ2) notieren im Bereich 370 EUR, die Marktkapitalisierung beträgt 495 Mrd. EUR – insgesamt also ein Börsenwert von rund 820 Mrd. EUR. A-Aktien besitzen ein Stimmrecht, B-Aktien bleibt dieses Privileg verwehrt. Laut Daten aus Capital IQ vom März 2024 besitzt Buffett aktuell 216.637 A-Aktien und damit 38,5 Prozent der Stimmrechte – de facto hat er damit die Kontrolle über das Unternehmen. Für Anleger stellt das Stimmrecht der A-Aktie aufgrund der bestehenden Anteilsverhältnisse somit lediglich einen symbolischen Wert dar.
B-Aktien sind optisch günstiger als A-Aktien, ihr Kurswert ist geringer. Damit sind sie für (Privat-)Anleger besser handelbar. Genau dies hatte Buffett im Sinn, als er die B-Klasse 1996 einführte. Während die A-Aktien von Buffett selbst sowie einem Kreis von alten Weggefährten der Investorenlegende gehalten werden, sollten die B-Aktien Berkshire für Privatanleger öffnen. Durch die Stimmrechtskonstruktion und Buffetts Übergewicht bei den A-Aktien bleibt seine Entscheidungsmacht in der Holding unangefochten. Die Kursnotierungen beider Aktienklassen laufen über weite Strecken parallel.
Value Investing ist legendär
Zur Mitte des ersten Quartals 2024 erreichte die Notierung von Berkshire Hathaway einen Rekordstand. Höher notierte die 1955 gegründete US-Holdinggesellschaft nie. Genau das ist das Problem: Was
soll noch kommen?
Der Ausnahmeinvestor aus Omaha und sein 2023 verstorbener Co-Chairman Charlie Munger führten Berkshire Hathaway mit Umsicht, Geschick und dem nötigen Quäntchen Glück in ungeahnte Höhen. Sie machten sich und ihre Aktionäre reich mit günstig erstandenen und lange gehaltenen Beteiligungen an Versicherungen, Banken, Energieversorgern und Logistikern.
Buffetts Anlagestil des Value Investing ist legendär. Doch jetzt kommt dem womöglich erfolgreichsten Anleger der Welt das Alter in die Quere. Er weiß das – und die Aktionäre wissen es. So richtig wahrhaben will es aber keiner. Außerdem hatte der Ausnahme-CEO doch längst eine mögliche Lösung präsentiert. Doppelspitze lautet sie, und die zwei Männer, die sich unter Aufsicht des Altmeisters als Nachfolger etablieren sollen, heißen Greg Abel und Ajit Jain. Sie sind 61 und 72 Jahre alt, erfahrene und erfolgreiche Manager, die seit vielen Jahren für Berkshire arbeiten. Abel ist CEO von Berkshire Hathaway Energy, zusätzlich Vice-Chairman bei Berkshire Hathaway, dort zuständig für das operative Geschäft.
Das Personaltableau, auf welches im Fall des Falles zurückgegriffen werden könnte, ist sogar noch breiter. Beobachter bezeichnen den 62-jährigen Ted Weschler und den 53-jährigen Todd Combs als derzeit einflussreichste operativ tätige Investmentmanager der Holding aus Nebraska. Wobei "einflussreich" relativ ist: Experten schätzen, dass das Duo derzeit lediglich 5 Prozent bis 10 Prozent des Berkshire-Portfolios steuern. Auf dem Rest hält der allmächtige CEO weiterhin die Hand. Da fühlt sich mancher erinnert an eine inhabergeführte Kfz-Werkstatt, wo die Junioren mit den frischen Ideen sehnsüchtig darauf warten, dass der Alte endlich ins Austragshäuschen umzieht und sich den Enkeln widmet.
Frische Ideen gesucht
Dabei weiß niemand, ob Weschler und Combs tatsächlich frische und vor allem bessere Ideen als ihr Chef haben. Auf jeden Fall haben sie einen anderen Stil: Sie legen breiter gestreut an. Zurzeit
werden ihrer Betreuung rund 24 Beteiligungspositionen im Berkshire-Portfolio zugeschrieben. Mit DaVita, einem Dialysespezialisten, sowie mit Investments bei Visa und Mastercard lieferte das Duo
auch Beweise seines Könnens ab – um allerdings mit einer entschlossenen Beteiligung am Kursminderleister Paramount Global (siehe "Goodbye Paramount Global" in Smart Investor 6/2023) wiederum
Zweifel zu säen. Buffett griff ein, entschied gerade im Mai, sämtliche Paramount-Global-Class-B-Aktien zu veräußern: "Es war zu 100% meine Entscheidung und wir haben alles verkauft und dabei eine
Menge Geld verloren." Autsch! Zumal, so Marktbeobachter der Financial Times, Weschler und Combs in den vergangenen Jahren bei der Rendite häufiger ins Hintertreffen gerieten, sowohl gegenüber dem
amerikanischen Blue-Chip-Index S&P 500 als auch im Vergleich zum konzentrierten Portfolio ihres Chefs.
Dessen vorletzte große Investmenttat war die Beteiligung an Apple. Immerhin waren es wohl Weschler und Combs gewesen, die ihrem Boss 2016 geraten hatten, bei Apple einzusteigen. Er folgte dem Rat zögernd. Der Apple-Erfolg der nächsten Jahre zog die Berkshire-Performance hinauf. Noch immer hält Berkshire geschätzt 790 Mio. Apple-Aktien im Wert von rund 135 Mrd. USD. Das ist ein Rückgang um 22 Prozent gegenüber den 174 Mrd. USD, welche die Apple-Position Ende 2023 betrug und zu dem Zeitpunkt fast 50 Prozent des Holdingportfolios ausmachte. Mit dem Kurs von Apple geht es seit Sommer 2023 nicht mehr recht voran. Bedenklicher noch: Wenn es bei Apple mal vorangeht wie jüngst Anfang Mai, da Apples Quartalszahlen von der Anlegergemeinde mit einem Seufzer der Erleichterung und einem Tageskursgewinn von 6 Prozent aufgenommen wurden, da profitiert Berkshire Hathaway kaum. Genau so…
Autor: Frank Sauerland
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