Wie Wagenknecht im WELT-TV Duell mit Weidel täuschte
Gestern im WELT-TV-Duell mit Alice Weidel wurde Wagenknechts Verherrlichung von Hugo Chávez zum Thema. Warum wirft Wagenknecht immer wieder Nebelkerzen?
Die BSW-Chefin versuchte wieder mal den Eindruck zu erwecken, ihre Äußerungen lägen sehr, sehr lange zurück, sie stammten von Anfang der 2000er-Jahre. Richtig ist, dass sie 2004 ein Buch herausgab, das voll des Lobes für den Sozialisten war: „Aló Presidente. Hugo Chávez und Venezuelas Zukunft.“ Darin schrieb sie u.a.: „Venezuela gehört zu jenen noch sehr wenigen Ländern, die der Weltherrschaft des neoliberalen Kapitalismus Grenzen setzen und die beweisen: Es gibt Alternativen.“ Die Revolution in Venezuela sei eine „Hoffnung für alle Menschen, die überzeugt sind, dass eine andere Welt möglich ist“.
Die Begeisterung hielt jedoch auch in den folgenden Jahren an und noch 2013 pries sie das Wirtschaftsmodell Venezuelas. Noch vor zehn Jahren verurteilte sie die Proteste für Freiheit und gegen den Diktator Maduro.
Die Tragödie Venezuelas
Der großartige Weg, auf den Chávez Venezuela geführt hat, ist in Wahrheit eine Tragödie. Das Land, das noch in den 70er Jahren zu den 20 reichsten Ländern der Welt gehörte und das reichste in Lateinamerika war, ist heute das ärmste Land Lateinamerikas. 80 Prozent der Menschen leben inzwischen in bitterer Armut und etwa ein Drittel, acht Millionen, haben das Land verlassen. Die UN-Flüchtlingshilfe stellt fest: „Dies ist nicht nur die größte Flucht- und Migrationsbewegung in der jüngeren Vergangenheit Südamerikas, auch weltweit gibt es kaum eine Region, wo so viele Menschen ihr Land verlassen haben.“
Man mag sagen: Jeder kann sich mal irren. Ja, das ist richtig. Aber dann sollte man auch erstens zu dem Irrtum stehen, statt Nebelkerzen zu werfen und sich zweitens selbstkritisch mit dem Irrtum auseinandersetzen. Aber genau das hat Wagenknecht nicht getan. Während sie Venezuelas sozialistisches Modell über ein Jahrzehnt lang gepriesen hat, fehlt eine Aufarbeitung dieses Irrtums. Warum sagte sie beispielsweise im TV-Duell mit Alice Weidel, die sie auf das Thema ansprach, nicht: „Ja, da habe ich mich schrecklich geirrt, Chávez hat kein nachahmenswertes Wirtschaftsmodell begründet, sondern sein Land in Armut und Diktatur geführt.“ Wagenknecht hat sich von ihrer Stalin-Apologie in den 90er Jahren distanziert, aber was denkt sie heute über Chávez und Venezuela? Es geht hier ja nicht um einzelne Äußerungen der Politikerin. Es geht darum, dass sie uns in einer langen Phase ihres Lebens das Wirtschaftsmodell Venezuelas als vorbildlich verkaufte. „Was der venezolanischen Revolution unter Chávez vorbehalten blieb und bleibt, ist, dem gesellschaftlichen Eigentum tatsächlich einen sozialen Sinn zu geben“, schrieb sie im Beitrag für das oben erwähnte Buch, in dem sie die katastrophale Erdölpolitik des Landes pries.
Was denkt Wagenknecht heute über ihren Helden?
Ja, warum setzt sich Wagenknecht nicht selbstkritisch damit auseinander? Angesprochen auf ihre kommunistische Vergangenheit spricht sie von „frühkindlichen Äußerungen“, so am 8. September bei Caren Miosga.
Wagenknecht ist heute 55. Bis 2010 war sie führendes Mitglied der Kommunistischen Plattform. Ihre Äußerungen, in denen sie beispielsweise den kommunistischen Diktator Fidel Castro pries, liegen gerade einmal acht Jahre zurück, da war sie gewiss kein kleines Kind mehr. https://www.die-linke.de/start/nachrichten/detail/zum-tod-von-fidel-castro/
Es geht aber nicht darum, was Wagenknecht vor acht oder zehn Jahren dachte, sondern was sie heute darüber denkt. Hält sie Chávez für einen Wegweiser in die sozialistische Zukunft oder für einen Feind der Freiheit, der sein Land in die Armut geführt hat? Wer, angesprochen auf seine früheren Äußerungen, lügt und Nebelkerzen wirft, dem kann man unterstellen, dass er sich nicht wirklich geändert hat.
Der Grund, warum es Wagenknecht so schwer fällt, sich dazu zu äußern: Sie ist bis heute überzeugte Marxistin. Und sie verkörpert eine tragische Kontinuität des Irrtums: Erst Ulbricht vergöttert, dann Stalin verharmlost, dann Hugo Chávez vergöttert, dann Putin verharmlost. Natürlich gibt es Themen, über die sie Richtiges sagt, so etwa zur Migration. Aber das sagen Millionen andere auch, 80 Prozent der Deutschen denken so. Bei ihr fällt das nur auf, weil sie sonst fast überall so schrecklich irrt, dass es bemerkenswert erscheint, wenn sie mal etwas Richtiges sagt. Wer immer behauptet, 2+2=5, bei dem horcht man auf, wenn er sagt, dass 2+2=4 ist. Wird diese Aussage damit zum Zeichen von besonderem Weitblick und tiefer Einsicht?
Der Historiker Rainer Zitelmann schreibt in seinem Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ über den Leidensweg Venezuelas.
