Flucht in Sicherheit
Die Flucht in US-Staatspapiere könnte sich als Fehler erweisen
Die Kapitalmärkte stehen Kopf und die Anleger suchen verzweifelt nach einem sicheren Hafen. Anleger horten weltweit US-Staatsanleihen – aber sind die wirklich sicher?
- Anleger flüchten in US-Staatsanleihen als Sicherheit.
- Zinssätze fallen, Rezessionsängste steigen weltweit.
- Vertrauen in US-Anleihen schwindet, Risiken bleiben.
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Während Aktien weltweit unter massiven Kursverlusten leiden und selbst Gold zuletzt abverkauft wurde, fließt immer mehr Kapital in eine Anlageklasse, die aktuell als letzte Bastion der Sicherheit gilt: US-Staatsanleihen.
Die Renditen von US-Treasuries sind seit der Ankündigung weitreichender Strafzölle durch US-Präsident Donald Trump dramatisch gefallen. In Krisenzeiten flüchten viele Anleger in als sicher geltende Anleihen, was deren Nachfrage steigen lässt. Die hohe Nachfrage führt dazu, dass Anleger für mehr Sicherheit geringere Renditen in Kauf nehmen. Gleichzeitig klettert der Kurs der Staatspapiere, der umgekehrt zur Rendite verläuft. Der massive Kursanstieg zeigt klar, dass die Angst vor einer wirtschaftlichen Abkühlung die Märkte fest im Griff hat.
Der Zinssatz für zweijährige Staatsanleihen fiel auf 3,45 Prozent, den tiefsten Stand seit Herbst 2022. Zehnjährige US-Bonds rutschten unter die Marke von 4 Prozent und notierten am Montagnachmittag bei nur noch 3,96 Prozent.
"Die Märkte reagieren heftig auf die Aussicht auf schwächeres Wachstum und Nachfrageeinbrüche", sagt Kathryn Kaminski, Chefstrategin bei AlphaSimplex, gegenüber Bloomberg. Die Aussicht auf eine globale Rezession, ausgelöst durch die neuen US-Zölle, überlagere selbst die Sorgen vor einer anziehenden Inflation. Das Dilemma für die US-Notenbank: Zinssenkungen könnten zwar konjunkturell stützen, würden aber im Inflationsumfeld neue Risiken schaffen.
Fed-Chef Jerome Powell warnte zuletzt selbst, dass die Zölle "sehr wahrscheinlich zumindest temporär die Inflation anheizen" würden – möglicherweise aber auch mit langfristiger Wirkung. Trotzdem rechnen Investoren inzwischen mit einer deutlich expansiveren Geldpolitik: Der Markt preist mittlerweile fast vier Zinssenkungen der Fed bis Dezember ein. Noch vor wenigen Wochen lag diese Erwartung unter drei.
Auch Goldman Sachs hat seine Prognose angepasst und die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den kommenden zwölf Monaten auf 45 Prozent erhöht. Und JPMorgan geht davon aus, dass im Falle einer vollständigen Umsetzung der neuen Zölle die Rezessionswahrscheinlichkeit sogar auf über 60 Prozent steigt. Die Folge: Die US-Notenbank müsste laut Goldman dann nicht nur drei, sondern bis zu acht Zinsschritte vollziehen.
Doch nicht nur in den USA steigen die Erwartungen an eine geldpolitische Lockerung. Auch weltweit sind Anleger in Staatsanleihen geflüchtet, insbesondere in britische, französische und deutsche Papiere. Trotzdem bleibt der US-Markt das Zentrum dieser globalen Bewegung – was nicht zuletzt mit der Sonderstellung des US-Dollar als Weltleitwährung und der Rolle von Treasuries als Reserveinstrument zu tun hat.
Diese sogenannte "exorbitante Privileg" erlaubt es den USA, selbst in wirtschaftlich kritischen Phasen neue Schulden zu günstigen Konditionen aufzunehmen. Dennoch ist das Vertrauen nicht grenzenlos: China und Japan, die größten ausländischen Gläubiger der USA, haben ihre Bestände an US-Treasuries in den vergangenen Jahren sukzessive reduziert. Und das Vertrauen in die USA und die Sicherheit von US-Staatspapieren leidet im aktuellen politischen Umfeld, in dem wirtschaftliche Druckmittel auch gegen Verbündete und Partner eingesetzt werden, massiv.
Anleger wetten derzeit darauf, dass die Fed das Wachstum über die Inflationsbekämpfung stellt – das hat sie zwar auch schon in der Vergangenheit getan, aber riskant ist die Wette dennoch. Denn die Kombination aus fallender Wirtschaftsleistung und steigenden Preisen, die sogenannte Stagflation, wäre für Märkte und Zentralbanken ein Albtraum. Und genau dieses Szenario halten einige Beobachter nun für realistisch.
"Für weiter fallende Renditen müssen wir eine deutliche Abschwächung der Wirtschaft sehen", sagt Kevin Flanagan, Anleihe-Stratege bei Wisdom Tree. "Aber was passiert, wenn gleichzeitig die Inflation steigt?"
Noch wirkt der US-Bondmarkt wie ein sicherer Hafen. Doch Experten mahnen zur Vorsicht: Die Flucht in Treasuries ist letztlich auch ein Ausdruck von Verzweiflung – und nicht unbedingt ein Signal für Stabilität. Anleger fliehen in die Sicherheit – aber wie lange sie dort wirklich sicher sind, bleibt offen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion



