Entscheidung am Freitag

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    Zinsschock in Russland? Zentralbank vor riesiger Kehrtwende

    Die russische Notenbank steht vor einer brisanten Entscheidung: Eine Zinssenkung um bis zu 300 Basispunkte könnte am Freitag notwendig werden, um eine drohende Rezession abzuwenden.

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    Entscheidung am Freitag - Zinsschock in Russland? Zentralbank vor riesiger Kehrtwende

    Die Tage der strikten Zinspolitik in Russland könnten schon bald gezählt sein. Am Freitag entscheidet die Zentralbank über ihren Leitzins. Und nach Monaten des wirtschaftlichen Gegenwinds mehren sich die Zeichen, dass Gouverneurin Elvira Nabiullina zu einem spektakulären Kurswechsel gezwungen sein könnte. Eine Zinssenkung um bis zu 300 Basispunkte, also drei volle Prozentpunkte, liegt auf dem Tisch, eine der größten geldpolitischen Lockerungen der letzten Jahre.

    Der Druck kommt diesmal nicht von den Märkten, sondern direkt aus der Regierung. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow macht öffentlich Stimmung für eine Lockerung. Auch Vizepremier Denis Manturow, der für die Industrie zuständig ist, drängt auf niedrigere Finanzierungskosten. Die Botschaft ist klar: Die hohe Inflation ist nicht mehr die größte Sorge, sondern die drohende Abkühlung der Realwirtschaft.

    Die Wachstumsdynamik ist bereits stark eingebrochen. Die russische Wirtschaft ist im ersten Quartal saisonbereinigt um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Ohne die massiven staatlichen Militärausgaben wäre die Lage noch düsterer. In der zivilen Industrie bricht die Nachfrage ein, Investitionen werden verschoben, große Unternehmen wie der Stahlriese Severstal fahren Milliardenverluste ein. Die Produktion von Konsum- und Investitionsgütern liegt auf dem niedrigsten Niveau seit über einem Jahr.

    Seit Jahresbeginn hat der Rubel gegenüber dem US-Dollar bereits mehr als 30 Prozent an Wert gewonnen. Ein starker Rubel ist zwar kurzfristig positiv für die Inflationsbekämpfung, aber mittel- bis langfristig schädlich für die Exportwirtschaft, den Staatshaushalt und die Investitionsdynamik des Landes. Deshalb wird der Ruf nach einer Lockerung der Geldpolitik in Russland immer lauter – auch, um aus dem Rubel gezielt etwas Luft abzulassen.

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    Tatsächlich zeigt die Inflation endlich Zeichen einer nachhaltigen Entspannung. Im April lag die annualisierte Teuerung bei 6,2 Prozent, nach über 10 Prozent noch im Januar. Der Rückgang ist teils auf die Aufwertung des Rubels zurückzuführen, die Importe verbilligt hat. Die Kerninflation nähert sich laut Analysten bereits dem Zielwert von 4 Prozent, der offiziell als Benchmark der Geldpolitik gilt. 

    Laut Bloomberg-Ökonom Alex Isakov bietet das aktuelle Umfeld der Notenbank reichlich Spielraum für eine Lockerung, "die Daten unterstützen eine Senkung um 200-300 Basispunkte auf 18 bis 19 Prozent im Juni", erklärte er.

    Noch im Dezember hatte Nabiullina zu "Geduld" gemahnt, um die ausufernde Inflation unter Kontrolle zu bringen. Der Leitzins wird seit Oktober auf 21 Prozent gehalten, dem höchsten Stand seit Jahren. Nun aber kehren sich die Argumente: Die Kreditvergabe stockt, Unternehmen fordern Kreditrestrukturierungen, der Konsum leidet unter der Zinsschockstarre. Selbst die Notenbank hat jüngst die Eigenkapitalanforderungen für Banken gelockert, um Umstrukturierungen zu ermöglichen – ein stilles Eingeständnis des Ernstes der Lage.

    Die Politik hat derweil ihre Prioritäten neu geordnet. Präsident Putin will 2025 ein Wirtschaftswachstum von 3 Prozent erreichen, weit entfernt von der aktuellen Prognose von 1,5 Prozent. Um das Ziel zu erreichen, setzt die Regierung laut Reschetnikow auf eine "rechtzeitige geldpolitische Lockerung".

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    Die Erwartungen an die Sitzung am Freitag sind gespalten. Während eine Reuters-Umfrage unter 26 Ökonomen von einem unveränderten Leitzins ausgeht, halten von der russischen RBK-Zeitung befragte Experten eine Senkung am Freitag für möglich. Nicht zuletzt unter dem Druck der Regierung und Wirtschaft.

    Bleibt die Notenbank untätig, droht das Vertrauen in die wirtschaftspolitische Koordination zu erodieren – gerade in Zeiten, in denen die Einnahmen aus Öl- und Gasexporten schrumpfen. Der Balanceakt, vor dem Nabiullina steht, ist heikel: Zu frühe Zinssenkungen könnten die Inflation neu entfachen. Zu spätes Handeln wiederum könnte eine Rezession zementieren. Am Freitag wird sich zeigen, ob die Notenbank bereit ist, das Ruder energisch herumzureißen. Viel spricht dafür, dass sie keine Wahl mehr hat.

    Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


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    Verfasst vonRedakteurIngo Kolf
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