Globales Schattenbank-System
Tether wird zum Traum für Drogenkartelle und Hacker
Ein Netzwerk aus Hackern, Terroristen und Finanzeliten nutzt Stablecoins wie Tether zur Geldwäsche. Der Westen schaut zu und verdient womöglich mit.
- Tether wird von Kriminellen zur Geldwäsche genutzt.
- Der Westen profitiert, während Strafverfolger kämpfen.
- Stablecoins sind schwer zu regulieren und gefährlich.
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Drogenkartelle und Computer-Hacker stehen überall auf der Welt vor dem gleichen Problem: Wie können sie ihr illegal erworbenes Bargeld verwenden? Sie können nicht einfach Geldscheine bei einer Bank einzahlen, da dies gegen Geldwäschegesetze verstößt. Also müssen sie eine Möglichkeit finden, wie sie dieses Geld sauber waschen können.
Und hier kommt zunehmend Tether ins Spiel, ein Stablecoin, der Eins zu Eins an den US-Dollar gekoppelt ist und inzwischen weltweit von Kriminellen zur Geldwäsche genutzt wird. Anders als Bitcoin, dessen Kurs schwankt, bietet Tether die Stabilität klassischer Währungen, jedoch ohne deren regulatorische Fesseln. Zudem kann Bitcoin von einem Wallet zum nächsten getrackt werden, auch wenn die Identität der Besitzer unter Umständen geheim bleibt.
Viel einfacher und unauffälliger geht das aber bei Tether. Was als Brücke für Krypto-Investoren gedacht war, hat sich zu einem internationalen Schattenbanksystem entwickelt, mit dem sich Milliarden verschieben lassen, nahezu unsichtbar für die Finanzaufsicht.
Die russische Geschäftsfrau Ekaterina Zhdanova nutzte diese Eigenschaften systematisch, wie aus Informationen des Economist hervorgeht. Sie sammelte Bargeld von Drogennetzwerken in Europa, verteilte es an sanktionierte Oligarchen und Geheimdienststrukturen, und beglich offene Schulden in USDT – der Währung von Tether. Alles effizient, billig und außerhalb staatlicher Kontrolle. Auf diesem Weg sollen weltweit Milliarden US-Dollar gewaschen worden sein.
Während westliche Strafverfolger zunehmend alarmiert sind, erfährt Tether in Washington politischen Rückenwind. Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus haben sich die USA zur Kryptowelt geöffnet. Die Trump-Familie handelt mit Memecoins, das Weiße Haus plant eine strategische Bitcoin-Reserve und Stablecoins gelten plötzlich als geopolitisches Instrument, nicht als Risiko. Paolo Ardoino, CEO von Tether, wirbt offensiv für USDT als Bollwerk gegen die digitale Expansion Chinas: "Wir bauen weltweit die Infrastruktur für den US-Dollar", erklärte er im Frühjahr.
Dasselbe System, das Drogenhandel und Betrug erleichtert, finanziert nun auch amerikanische Staatsausgaben. Mit über 113 Milliarden US-Dollar in US-Staatsanleihen zählt Tether zu den größten Gläubigern der USA, noch vor Deutschland. Der ehemalige Investmentbanker Howard Lutnick, heute Trumps Handelsminister, verteidigt die Verbindung: "Das ist so, als würde man Apple beschuldigen, weil Kriminelle Apple-Handys benutzen. Es ist nur ein Produkt".
Doch hinter dieser Normalisierung wächst das Risiko. Ein spektakulärer Fall in den USA zeigt, wie dünn die Grenze zwischen traditioneller Finanzwelt und Krypto-Betrug geworden ist. Der ehemalige CEO der Heartland Tri-State Bank unterschlug 47 Millionen US-Dollar aus der Bankbilanz und verlor einen Großteil davon durch eine Betrugsmasche, einen sogenannten "Pig Butchering"-Scam über USDT. Wie die Federal Reserve bestätigte, haben diese Maßnahmen eine Kapitalunterdeckung von 35 Millionen US-Dollar bei der Bank verursacht, die daraufhin kollabierte.
Längst agieren Strafverfolger im globalen Krisenmodus: Spanische, estnische und US-Behörden zerschlugen zuletzt ein Netzwerk, das über 500 Millionen US-Dollar durch Krypto-Konten in Hongkong schleuste. Zeitgleich gelang es dem US-Justizministerium, rund 225 Millionen USDT aus einem Philippinen-basierten Scam zu beschlagnahmen. Ein Achtungserfolg, letztendlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Tether bleibt derweil auf Wachstumskurs. Mit mehr als 150 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern, einem Jahresgewinn von über 13 Milliarden US-Dollar – fast doppelt so viel wie der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock – und einem Kiosknetz für Bargeldumtausch ist der Stablecoin längst aus der Nische herausgewachsen. Für viele Menschen in Entwicklungsländern ist er ein Zugang zu stabiler Währung, für Kriminelle aber eine gute und einfache Möglichkeit, ihre Einnahmen rein zu waschen.
Die Mittel zur Verfolgung solcher Fälle sind begrenzt, da Tether mittlerweile wie ein souveräner Akteur agiert: mit engen Verbindungen nach El Salvador, einem eigenen Compliance-Team und der Fähigkeit, Ermittlern Informationen zu verweigern. Letztlich stellen Stablecoins einen Albtraum für Strafverfolger dar, während sie für Geldwäscher wie ein Traum sind.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


