Zölle, Euro, Trump
Anleger flüchten in Europas Nebenwerte
Europas kleinere und mittlere Unternehmen erleben ein Comeback. Dank robuster Binnenorientierung, attraktiver Bewertungen und der Hoffnung auf anziehende Konjunktur sind Small und Mid Caps wieder gefragt.
- Small und Mid Caps erleben Comeback in Europa.
- STOXX Small Cap Index +9%, Mid Cap Index +11% seit Jahresbeginn.
- Binnenmarkt-orientierte Firmen profitieren von Euro-Stärke.
- Report: Tech-Aktien schwanken – 3 Versorger mit Rückenwind
Seit Jahresbeginn legten der STOXX Europe Small Cap Index um neun Prozent und der Mid Cap Index um elf Prozent zu und damit deutlich stärker als die Blue-Chip-Schwergewichte im STOXX Europe Large Cap.
Ein wichtiger Grund
Die kleineren Werte sind weniger vom internationalen Handel abhängig. "Einer der Vorteile von Small Caps ist, dass sie aus geografischer Sicht etwas abgeschirmter sind", sagte Ingmar Schaefer, Portfoliomanager bei Van Lanschot Kempen.
"Was auch immer mit den US-Zöllen geschieht, ein lokales Unternehmen wird nicht so stark betroffen sein wie ein globaler Akteur in derselben Branche."
US-Präsident Donald Trump hatte im April weitreichende Strafzölle angekündigt und in der Folge unter anderem mit Japan ein neues Handelsabkommen geschlossen. Mit der Europäischen Union steht ein Deal allerdings weiter aus. Die Verhandlungen müssen bis zum 1. August abgeschlossen sein. Am Mittwoch kursierten zwar Gerüchte über einen möglichen 15-prozentigen Zoll auf EU-Waren, doch das Weiße Haus dementierte rasch.
Ein stärkerer Euro wirkt sich ebenfalls unterschiedlich aus. Während international aufgestellte Großkonzerne unter der Aufwertung leiden, profitieren Binnenmarkt-orientierte Firmen. Laut einer Analyse von Goldman Sachs erwirtschaften große europäische Konzerne nur rund 35 Prozent ihres Umsatzes auf dem Heimatkontinent. Bei Small und Mid Caps liegt dieser Anteil bei etwa 60 Prozent.
Der Euro hat sich seit Jahresbeginn um über zwölf Prozent verteuert und liegt aktuell bei rund 1,17 US-Dollar. Damit hat er die Paritätsprognosen vieler Analysten vom sogenannten "Tag der Befreiung" – der Zöll-Ankündigung am 2. April – klar widerlegt. Einige Marktbeobachter rechnen inzwischen mit einem Anstieg auf 1,20 US-Dollar, was für global tätige Konzerne Gegenwind, für lokal fokussierte Unternehmen aber Rückenwind bedeuten könnte.
"Der Liberation Day hat die globale Handelsordnung leicht durcheinandergebracht, und Small- und Mid-Caps sind allein aufgrund der Tatsache, dass sie davon etwas abgeschirmt sind, viel interessanter geworden", zitiert Reuters Harry Eastwood, Investment Director bei Artemis Investment Management. Sein Fonds habe inzwischen die Obergrenze für Small- und Mid-Cap-Positionen erreicht, so Eastwood weiter.
Auch bewertungstechnisch wirken die Nebenwerte zunehmend attraktiv. Aktuell wird der STOXX Europe Small Cap Index mit dem 13,4-fachen der erwarteten Gewinne gehandelt. Zum Vergleich: Der Large Cap Index liegt bei einem Multiple von 14,3.
"Wir befanden uns in einer Situation, in der die meisten Anleger weniger Vertrauen in die Gewinne kleiner Unternehmen hatten als in die großer Unternehmen", sagte David Walton, Fondsmanager bei Marlborough.
"Im letzten Monat haben wir jedoch einen leichten Anstieg des Vertrauens in die Gewinnaussichten kleiner Unternehmen beobachtet, was die Rallye stützt."
Auch bei den Zuflüssen zeigt sich ein klarer Trend: Europäische Small und Mid Caps verzeichneten in den vergangenen zehn Wochen durchgehend Nettomittelzuflüsse. Das ist die längste Serie seit 2021, wie Daten des Analysehauses Lipper zeigen.
Impulse kommen zudem aus der Politik. Deutschland hat ein großes Konjunkturprogramm angekündigt, und die Europäische Zentralbank hat den Zinssenkungszyklus zwar zuletzt pausiert, aber den Einlagensatz seit Mitte 2024 um insgesamt 200 Basispunkte gesenkt. Der deutsche SDAX – der Index für kleinere börsennotierte Unternehmen – ist seit der Bundestagswahl im Februar um fast 20 Prozent gestiegen. Der DAX legte im selben Zeitraum lediglich um 8,4 Prozent zu.
Für Schaefer von Van Lanschot Kempen steht deshalb fest:
"Wenn wir auf die nächsten zwölf Monate blicken, gehen wir davon aus, dass es definitiv zu einer Neubewertung von Small Caps gegenüber Large Caps kommen kann."
Autor: Nicolas Ebert, wallstreetONLINE Redaktion

