Wie nach der Dotcom-Blase
US-Dollar könnte 40 % einbrechen, Experten warnen vor Platzen der Blase
Der US-Dollar hat sich zuletzt erstaunlich stabil gezeigt. Doch die Währung könnte vor einem dramatischen Wendepunkt stehen – einem Absturz ähnlich wie nach dem Platzen der Internetblase, sagen Strategen.
- US-Dollar könnte dramatischen Absturz erleben.
- Hohe Bewertungen und geopolitische Spannungen belasten.
- Strategen empfehlen Absicherungsstrategien gegen Verluste.
- Report: Die Jahresendrallye rollt an
Lange galt der US-Dollar als sicherer Hafen – gestützt durch starke Aktienmärkte, Kapitalzuflüsse und die Dominanz der Wall Street. Doch ausgerechnet diese Stärke könnte sich bald gegen ihn wenden. In einer aktuellen Analyse zieht Richard Cochinos, Chefstratege für Devisen bei RBC Capital Markets Parallelen zur Zeit nach dem Jahr 2000: Als Kapital nach dem Platzen der Dotcom-Blase aus überbewerteten US-Anlagen abfloss, verlor der Greenback zwischen 2001 und 2008 rund 40 Prozent an Wert.
Tatsächlich können einige Parallelen zwischen der Zeit und heute gezogen werden. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben globale Fonds immer mehr in US-Aktien investiert – vor allem in teure Indexfonds und Technologiewerte. Diese Konzentration hat den US-Dollar gestützt, macht ihn nun aber anfällig für eine Korrektur.
Sobald Investoren beginnen, Kapital umzuschichten oder Gewinne mitzunehmen, könnte daraus ein lange anhaltender Abwärtstrend entstehen. "Eine messbare Veränderung der Kapitalströme kann tiefgreifende Auswirkungen auf den Devisenmarkt haben", argumentiert die Investmentbank-Tochter der Royal Bank of Canada (RBC).
Die Risiken für den US-Dollar wachsen: hohe Bewertungen an den amerikanischen Börsen, ein verändertes Handelsumfeld, geopolitische Spannungen und neue Anlageformen in illiquiden Privatmärkten. Auch das politische Klima unter US-Präsident Donald Trump sorgt für Unsicherheit, da der Markt mit einer verstärkten Einflussnahme der Politik auf die US-Notenbank rechnet. Gleichzeitig haben sich die Aussichten für das weltweite Wachstum stärker verbessert als für die USA. Wenn sich die Kapitalströme aber global diversifizieren, könnte der US-Dollar das gleiche Schicksal erleiden wie nach 2000 – einen langsamen, aber tiefgreifenden Absturz, sagt RBC.
Vor diesem Hintergrund könnte es zu einem schrittweisen, aber nachhaltigen Rückgang des US-Dollars kommen, der sich über mehrere Jahre zieht, sagen die Strategen. Um sich abzusichern, rät die Bank zu Absicherungsstrategien: etwa Call-Optionen (Kaufoptionen) auf den Euro bei 1,30 US-Dollar oder Put-(Verkauf-)Optionen auf den US-Dollar gegenüber dem Yen bei 130 Yen – beides würde einem Dollar-Verlust von etwa 12 bis 15 Prozent entsprechen.
Zur Erklärung: Mit einer Call-Option wird auf einen steigenden Kurs gewettet. Wer also eine Call-Option auf den Euro bei 1,30 US-Dollar kauft, profitiert, wenn der Euro später beispielsweise auf 1,35 US-Dollar steigt und streicht die Differenz ein. Bei einer Put-Option profitieren Anleger von einem fallenden Kurs. Wenn also der US-Dollar auf 120 Yen fällt, kann man ihn zum Optionspreis von 130 Yen verkaufen – und macht so Gewinn.
Andere Großbanken wie Deutsche Bank und BNY Investments teilen den vorsichtigen Ton der RBC gegenüber der US-Währung. Sie erwarten, dass Zinssenkungen und zunehmende politische Einflussnahme auf die Fed den Greenback weiter schwächen. Auch laut einer Reuters-Umfrage sind zwei Drittel der Strategen im November netto short auf den US-Dollar, sie rechnen also damit, dass die Devise ihre Talfahrt wieder aufnimmt, trotz der jüngsten Stabilisierung.
Während die US-Wirtschaft dank des KI-Investitionsbooms bislang robuster blieb als erwartet, ist die globale Lage stabiler geworden – was den "Dollar-Exzeptionalismus" infrage stellt, sagt George Saravelos, weltweiter Co-Chef für Devisenanalyse bei der Deutschen Bank. Zwar wurden die Wachstumszahlen für die USA zuletzt nach oben korrigiert, die für Europa aber noch mehr, sodass die Aussichten für Europa jetzt besser sind als zu Beginn des Jahres. "Dieses günstige globale Wachstumsumfeld steht nicht im Einklang mit einer anhaltenden Dollar-Rallye", sagt Saravelos.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

