Zu hohe Schulden
Zahl der Zombie-Firmen in den USA explodiert: Wie lange hält das Kartenhaus?
Immer mehr US-Unternehmen können die Zinsen auf ihre Schulden nicht zahlen – die Zahl der "Zombies" ist so hoch wie seit Jahren nicht. Ein Billionenmarkt ist in Gefahr.
- Immer mehr US-Unternehmen sind zahlungsunfähig.
- Private Kreditmärkte zeigen hohe Risiken und Abhängigkeiten.
- Zombie-Firmen könnten Epidemie in schwacher Wirtschaft werden.
- Report: Die Jahresendrallye rollt an
Die Liste der Zombie-Firmen in den USA wird länger – und mit ihr wächst die Nervosität an der Wall Street. Fast 100 Unternehmen sind im Oktober in die Kategorie der Untoten gerutscht, zeigen Bloomberg-Daten: Sie verdienen zu wenig, um ihre Schulden zu bedienen.
Vor allem Firmen, die sich während der Nullzinsjahre mit billigem Geld vollgesogen haben, stehen jetzt am Abgrund. Höhere Zinsen, neue Zölle und explodierende Refinanzierungskosten haben die Kreditblase in Bewegung gesetzt – und sie könnte größer sein, als viele glauben.
Ein besonders wackliges Fundament bildet dabei der private Kreditmarkt, ein kaum reguliertes Segment im Volumen von rund 1,1 Billion US-Dollar. Hier vergeben Investmentfonds und alternative Kreditgeber Darlehen an Unternehmen, die keinen Zugang zu klassischen Bankkrediten haben.
Jüngste Pleiten wie beim Autozulieferer First Brands oder dem Finanzdienstleister Tricolor haben gezeigt, wie riskant dieses Terrain sein kann. Vor wenigen Wochen gaben zudem zwei US-Regionalbanken Abschreibungen auf Kredite bekannt, die sie an ein Gewerbeimmobilienunternehmen vergeben hatten.
"Mit jedem weiteren Kreditereignis, das bekannt wird, wird es schwieriger zu behaupten, dass diese Ereignisse alle völlig unabhängig voneinander sind" sagt Spencer Rogers, Kreditstratege bei Goldman Sachs Research. Die Tatsache, dass alle jüngsten Zahlungsausfälle mit Vorwürfen wegen Betrugs oder Bilanzmanipulationen einhergingen, deute darauf hin, dass sie nicht einfach eine Folge der sich verschlechternden Wirtschaftslage und der sinkenden Kreditqualität sind, fügt Rogers hinzu.
Es zeigt sich, wie eng das Netz aus Banken, Fonds und Firmen mittlerweile geknüpft ist. Viele Private-Credit-Fonds leihen sich zusätzlich Geld bei Banken, um ihre Renditen zu hebeln. Das schafft Abhängigkeiten – und macht die Märkte anfällig, sollte sich die Wirtschaft abkühlen. Die Kurse von Business Development Companies (BDCs), die Kredite an Mittelständler vergeben, sind bereits unter Druck geraten. Anleger fürchten, dass weitere Abschreibungen folgen.
Viele der Unternehmen, die im Oktober in den Zombie-Status abrutschten, sind aus den Sektoren Gesundheitswesen und Biotechnologie. Sie stehen aufgrund steigender Kosten und sinkender staatlicher Subventionen besonders unter Druck. Auch Unternehmen, die durch die Zölle stark belastet werden, sind auf die Liste gekommen. Viele davon sind allerdings schon länger finanziell angeschlagen. Neu dabei sind aber auch Unternehmenszombies wie der Filmproduzent Lionsgate, der die Rechte an beliebten Filmreihen wie John Wick, The Hunger Games und Twilight besitzt.
Für die klassischen Kreditmärkte hält sich die Nervosität bislang in Grenzen: Die Risikoaufschläge bei Hochzinsanleihen haben sich nur leicht ausgeweitet. Goldman erwartet, dass sich die Spreads in einem engen Korridor halten, solange das Wirtschaftswachstum robust bleibt und die Fed ihre vorsichtige Zinspolitik nicht ändern muss.
Doch die Stimmung ist fragil. "Diese Bilanzen wurden in einer Zeit strukturiert, als Zinsen niedrig waren", jetzt funktioniere diese Rechnung unter Umständen nicht mehr, warnt David Rosenberg von Oaktree Capital. Sollte die Konjunktur schwächeln oder Inflation wieder anziehen, könnte aus dem Zombie-Phänomen schnell eine Epidemie werden.
Bislang aber leben die Untoten weiter – finanziert von einem Markt, der fest daran glaubt, dass alles wieder gut wird. Brisant wird die Lage erst, wenn die Märkte erkennen müssen, dass es womöglich doch kein Heilmittel für Zombies gibt.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


