Dollar-Smile-Theoretiker
Der US-Dollar verliert während Trumps Amtszeit ein Fünftel an Wert
Für den US-Dollar ist es das schwächste Jahr seit langem aber das Schlimmste steht der US-Währung erst noch bevor, sagt Devisenexperte Stephen Jen. Europa und Asien rücken stattdessen vor.
- US-Dollar schwächst seit Jahren, weitere Verluste drohen.
- Europa und Asien gewinnen, während USA abkühlen.
- Politische Unsicherheiten fördern Skepsis gegenüber Dollar.
- Report: Die Jahresendrallye rollt an
Der US-Dollar erlebt eines seiner schlechtesten Jahre seit fast einem Jahrzehnt. Etwa 8,5 Prozent hat die Währung 2025 bereits gegenüber den sechs wichtigsten Weltwährungen verloren. Was wie eine kurzfristige Korrektur aussieht, könnte der Auftakt zu einer grundlegenden Neuordnung der globalen Kapitalströme sein, warnt der Devisenstratege Stephen Jen, Chef von Eurizon SLJ Capital und Erfinder der bekannten "Dollar-Smile-Theorie".
Die Ursachen für die Dollar-Schwäche sind vielfältig. Die unberechenbare Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump, die unter anderem wiederkehrende Zolldrohungen und volatile Beziehungen zu wichtigen Handelspartnern einschließt, hat internationale Investoren verunsichert. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise, dass die Federal Reserve die Zinsen weiter senken muss, weil die US-Wirtschaft im Begriff ist, an Schwung zu verlieren. Jüngste Arbeitsmarktdaten deuten auf eine Abkühlung hin – ein Szenario, das typischerweise auf einen schwächeren US-Dollar einzahlt.
Hinzu kommt die globale Perspektive: Während die USA ihr Wachstumstempo nicht halten können, ziehen Europa und Asien langsam an. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass das US-Wirtschaftswachstum 2025 auf 2 Prozent sinkt, während die Eurozone leicht zulegt. China, trotz geopolitischer Spannungen, bleibt mit nahe 5 Prozent Wachstum weiterhin ein Schwergewicht. Kapital, das jahrelang in die USA geströmt ist, beginnt sich neu zu orientieren.
Jen geht davon aus, dass der US-Dollar im Verlauf der Amtszeit von Trump insgesamt mehr als ein Fünftel seines Wertes verlieren wird. Zusätzlich zu den bereits seit Jahresbeginn gesehenen Verlusten sei mit einer weiteren Abwertung um 13,5 Prozent zu rechnen, erläuterte der in London ansässige Stratege. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die politischen Unsicherheiten in den USA stark zunehmen.
Jens "Dollar-Smile-Theorie" besagt, dass der Greenback vor allem dann stark ist, wenn die US-Wirtschaft entweder boomt oder in einer tiefen Krise steckt – also an den beiden Enden des sogenannten "Smiles". Schwach wird die Währung hingegen in Phasen, in denen die Vereinigten Staaten nur moderat wachsen und andere Regionen beginnen, wirtschaftlich aufzuholen. Genau diese Phase erlebt die Welt derzeit: Die US-Wirtschaft verliert Tempo, während Europa und Asien langsam wieder Tritt fassen. Damit rutscht der Dollar in die Mitte des "Smiles" – dorthin, wo er historisch am anfälligsten ist.
Gleichzeitig wächst die globale Skepsis gegenüber großen Reservewährungen, auch wegen politischer Polarisierung und wiederholter US-Haushaltsdramen wie dem gerade erst beendeten längsten Regierungsstillstand in der Geschichte des Landes. Das hat zu einer Flucht in Alternativen geführt: Gold und Bitcoin verzeichnen Rekordhochs, angetrieben von Anlegern, die nach einem sicheren oder unabhängigen Wertspeicher suchen.
Für die Trump-Regierung bringt der fallende US-Dollar aber auch Vorteile. Ein schwächerer Greenback macht amerikanische Produkte im Ausland günstiger und könnte damit dem lange versprochenen Wiederaufbau der US-Industrie zugutekommen. Mehr Exporte, geringere Kosten: In Washington besteht ein stilles Interesse daran, die Währung kontrolliert abwerten zu lassen.
Der US-Dollar befindet sich in einer strukturellen Abwärtsspirale, auch wenn er sich seit Anfang Juli eher seitwärts bewegt hat. Geprägt ist die Talfahrt von globalen Wachstumsverschiebungen, politischer Unsicherheit und einem umfassenden Vertrauenswandel in den Finanzmärkten. Stephen Jen sieht die USA daher erst am Anfang einer "mehrjährigen Dollar-Anpassung" – die heiße Phase steht noch bevor.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


