Risk-Off übernimmt
Wall Street crasht – Fed triggert weltweit den heftigsten Sell-off seit Wochen
Aktien rutschen weltweit ab. Fed-Zweifel, Datenlücken und KI-Überbewertungen setzen vor allem High-Beta-Werte massiv unter Druck.
- Aktien weltweit unter Druck durch Fed-Zweifel.
- KI-Überbewertungen und Datenlücken belasten Märkte.
- Rohstoffe stabil, Bitcoin fällt unter 100.000 USD.
- Report: Die Jahresendrallye rollt an
Die Risikostimmung an den globalen Märkten hat sich spürbar eingetrübt. Nach dem Ende des längsten Shutdowns in der Geschichte der USA rücken die wirtschaftlichen Folgen, die unklare Datenlage und sinkende Erwartungen für eine Zinssenkung der Federal Reserve wieder in den Vordergrund. Aussagen mehrerer Fed-Vertreter haben die Wahrscheinlichkeit einer Lockerung im Dezember auf rund 50 Prozent gedrückt – vor Wochen lag sie noch deutlich über 90 Prozent. Fed-Chef Jerome Powell hatte bereits im Oktober gewarnt, eine Senkung sei "keine ausgemachte Sache", da die Entscheidung von den kommenden Daten abhänge.
Die neuen Zweifel lösten weltweit Verkaufsdruck aus. Asiatische Aktien fielen erstmals in dieser Woche, angeführt von einem Einbruch im Technologiesektor. Der Kospi verlor 3,8 Prozent, ein Index für asiatische Technologiewerte. Auch in Europa zeichnen sich weitere Verluste ab. In den USA verzeichnete die Wall Street ihre heftigsten Rückgänge seit über einem Monat: Der Nasdaq Composite verlor 2,3 Prozent, der S&P 500 1,6 Prozent und der Dow fast 800 Punkte. Händler sprachen von einer "Buy-the-Rumors, Sell-the-News"-Reaktion auf das Ende des Shutdowns.
Besonders unter Druck standen KI- und Momentum-Aktien. Der zuvor hochgejubelte High-Beta-Korb von Goldman Sachs erlebte seinen schlechtesten Tag seit Trumps Zollschock im April. Nvidia, Palantir, Broadcom und Super Micro Computer rutschten deutlich ab, während spekulative Titel wie Rigetti, D-Wave, Bloom Energy oder Plug Power zweistellig verloren. Die Rallye der "Magnificent Seven" verliert weiter an Breite, mehrere Werte sind nun im Korrekturbereich. "Die Märkte scheinen weitgehend von Ängsten vor einer KI-Blase verunsichert zu sein", analysierte Vishnu Varathan von der Mizuho Bank. Die anstehenden Nvidia-Zahlen gelten als Belastungstest für die gesamte KI-Euphorie.
Zur Verschlechterung der Stimmung trägt auch die verzögerte Datenlage bei: Das Weiße Haus warnte, viele Wirtschaftsberichte seien durch den Shutdown "dauerhaft beeinträchtigt". So wird der Arbeitsmarktbericht für Oktober keine Angaben zur Arbeitslosenquote enthalten. Einige Händler fürchten, dass lückenhafte Daten die Fed eher zu Vorsicht veranlassen könnten.
Während Risikoanlagen weltweit unter Druck stehen, zeigen sich Rohstoffe robuster. Brent-Öl stieg zeitweise um drei Prozent in Reaktion auf zunehmende Risiken für russische Lieferungen. Am Edelmetallmarkt sorgten Gewinnmitnahmen zwar für leichte Rücksetzer, doch Gold bleibt mit rund 4.200 US-Dollar je Unze nur knapp unter dem Drei-Wochen-Hoch. Silber notiert nach einem kurzen Rekordhoch weiter nahe seiner historischen Spitzenwerte. Analysten verweisen darauf, dass Gold zunächst von der Erwartung weiterer Zinssenkungen getragen wurde, dann jedoch auch in einen "Sell-the-News-Trade" geriet, wie Jim Wyckoff von Kitco sagte. Gleichzeitig betonen mehrere Fed-Vertreter, darunter Mary Daly und Neel Kashkari, dass eine weitere Lockerung angesichts der weiterhin hohen Inflation "verfrüht" sei.
Auch Kryptowährungen geraten unter Druck: Bitcoin fiel erneut unter die Marke von 100.000 US-Dollar und notiert damit knapp 20 Prozent unter dem Oktoberhoch.
Insgesamt dominiert eine risk-off Haltung: Enttäuschende Unternehmenszahlen, überdehnte KI-Bewertungen, unklare Wirtschaftsdaten und die neue hawkische Fed-Kommunikation sorgen für breite Abgaben an Aktien-, Rohstoff- und Kryptomärkten. Viele Marktteilnehmer setzen erst dann wieder auf steigende Kurse, wenn klarer wird, wie die Fed im Dezember tatsächlich entscheidet – und ob die Nvidia-Zahlen die Hoffnungen auf ein nachhaltiges KI-Wachstum bestätigen können.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

