Inflation nicht im Griff
Ende der Fed-Zinssenkungen könnte breiten Ausverkauf auslösen
Die dritte Zinssenkung der Fed im Dezember schien sicher. Doch nun kippt die Stimmung. Immer mehr deutet darauf hin, dass der Zinssenkungszyklus bereits am Ende sein könnte. Die Konsequenzen wären heftig.
- Zinssenkungen der Fed könnten enden, Stimmung kippt.
- Inflation steigt, Falken fordern höhere Zinsen.
- Märkte reagieren empfindlich auf Fed-Entscheidungen.
- Report: Renditeturbo 2026 –
Eigentlich war der Fahrplan gemacht: Drei Zinssenkungen bis Jahresende, so ließ sich die Projektion der US-Notenbank noch vor Kurzem lesen. Zwei Schritte hat die Fed in September und Oktober geliefert, Dezember schien gesetzt. Doch inzwischen preisen Terminmärkte eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent ein, dass es zu keiner weiteren Zinssenkung mehr kommen wird.
Der Grund ist weniger in harten Daten zu finden – die wurden durch den langen Government Shutdown wochenlang blockiert –, sondern in der offenen Spaltung im geldpolitischen Ausschuss. Fed-Chef Jerome Powell spricht davon, in einem "Daten-Nebel" zu fahren. Hinter den Kulissen geht es darum, ob der Kampf gegen die Inflation schon weit genug vorangekommen ist oder ob die Notenbank dabei ist, zu früh vom Bremspedal zu gehen.
Seit dem Tief bei 2,3 Prozent im April sind die Verbraucherpreise kontinuierlich gestiegen und haben im September mit 3 Prozent den höchsten Stand seit Januar erreicht. Das wirkt nicht so, als hätte die Notenbank die Inflation im Griff.
Entsprechend ist auch die Zahl der sogenannten "Falken" (Hawks), die sich für tendenziell höhere Zinsen aussprechen, um die Teuerungsrate wieder auf das eigentliche 2-Prozent-Ziel zu senken, kontinuierlich gestiegen. Susan Collins (Fed Boston), Beth Hammack (Fed Cleveland), Jeffrey Schmid (Fed Kansas City), Lorie Logan (Fed Dallas) oder Austan Goolsbee (Fed Chicago) warnen, die Geldpolitik sei "kaum noch restriktiv". Weitere Zinssenkungen könnten die Inflation wieder anheizen, und neue Zölle nur noch mehr Preisauftrieb bringen.
Diese Gruppe fordert eine Pause im Dezember – und mehr noch: Sie stellt infrage, ob überhaupt Spielraum für weitere Zinssenkungen besteht. In ihren Reden schwingt die Botschaft mit, dass der Markt sich vom Bild einer Serie von Zinssenkungen verabschieden muss.
Auf der anderen Seite stehen die "Tauben" (Doves) um Christopher Waller, Michelle Bowman und den von Donald Trump eingesetzten Stephen Miran: Sie fürchten, dass die Fed den Arbeitsmarkt unterschätzt und die Wirtschaft durch hohe Zinsen so stark ausbremst, dass sie in eine Rezession rutschen könnte. Einstellungsdynamik und Lohnwachstum haben deutlich nachgelassen, zinssensitive Bereiche wie Immobilien und Investitionen leiden. Aus dieser Sicht sind die Leitzinsen immer noch klar bremsend – und eine weitere Zinssenkung wäre nötig, um nicht versehentlich zu überziehen.
Powell sitzt genau zwischen diesen Lagern. Er hat bereits klargemacht, dass eine Zinssenkung im Dezember "alles andere als ausgemacht" sei. Strategen rechnen inzwischen damit, dass die Fed entweder gar nicht mehr senkt – oder einen letzten, "versöhnlichen" Schritt macht und gleichzeitig signalisiert, dass der Zinssenkungszyklus damit beendet ist.
Für die Märkte aber wäre ein abruptes Ende der Zinssenkungen hochgefährlich. Henry Allen, Makro-Stratege bei der Deutschen Bank, verweist darauf, dass sich seit Mitte Oktober ein breit angelegter Ausverkauf über nahezu alle Anlageklassen gezogen hat. Bitcoin ist 24 Prozent unter sein Hoch gefallen, der S&P 500 hat seine längste Phase ohne neues Rekordhoch seit April hinter sich, selbst traditionelle sichere Häfen wie Gold liegen 6 Prozent unter ihrem Peak. Parallel sind die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen um 18 Basispunkte gestiegen.
Allen betont, dass in der Vergangenheit breit angelegte Ausverkäufe fast immer mit einem Kurswechsel der Fed hin zu höheren Zinsen einhergingen – ob 2015/16, 2018 oder 2022. Wenn die Märkte nun erneut den Eindruck gewinnen, dass die Fed den Lockerungszyklus stoppt oder gar umkehrt, könnte dies eine heftige Verkaufswelle auslösen, da Investoren davon ausgehen, dass Geld knapper bleibt, Kredite teuer bleiben und Risiken höher bewertet werden. Das führt oft zu breiten Marktverkäufen. Damit erklärt sich, warum ein hawkischer Kurswechsel der Fed regelmäßig zu gleichzeitigen Verlusten in mehreren Anlageklassen führt.
Für Anleger bedeutet all das: Die Phase der planbaren Zinssenkungen ist vorbei. Stattdessen beginnt eine unberechenbare Phase, in der sich Powell zwischen den Lagern bewegen muss – und jede Entscheidung das Potenzial hat, an den Märkten erneut Schockwellen auszulösen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


