Krisenniveau erreicht
An der Wall Street werden immer mehr Aktien auf Kredit gekauft
Die Kredite zum Aktienkauf sind auf ein Allzeithoch geklettert. Ein einziger Kursrückgang könnte eine Lawine von Forderungen lostreten und einen Markteinbruch auslösen.
- Kredite für Aktienkäufe auf Rekordhoch, 1,18 Bio. USD.
- Steigende Margin Debt erhöht Risiko für Markteinbruch.
- Rückgang könnte Kettenreaktionen und Crash auslösen.
- Report: Renditeturbo 2026 –
An der Wall Street wird so stark auf Pump investiert wie kaum jemals zuvor. Die so genannte "Margin Debt", also das Geld, das Investoren bei Brokern leihen, um Aktien auf Kredit zu kaufen, ist laut Finra-Daten im Oktober auf 1,18 Billionen US-Dollar gestiegen. Ein Rekordwert. Und ein brandgefährliches Signal.
Die Kreditaufnahme wächst nicht nur – sie beschleunigt sich. Allein in den sechs Monaten bis Oktober schnellte sie um 40 Prozent hoch und verzeichnete damit den zweitstärksten Anstieg seit März 2000, also dem Zenit der Dotcom-Blase. Zugleich läuft der S&P 500 von einem Rekordhoch zum nächsten, während die Tech-Bewertungen in immer luftigere Regionen driften.
Der Mechanismus dahinter ist bekannt: Steigende Kurse erhöhen die Risikobereitschaft, Investoren kaufen Aktien auf Kredit und treiben damit die Kurse weiter hoch. "Entweder treibt die zusätzliche Nachfrage nach Hebeleffekten die Rallye an, oder die steigenden Märkte geben den Anlegern das Vertrauen, verstärkt Hebeleffekte zu nutzen", sagt Jim Reid, weltweiter Macro-Chef bei Deutsche Bank Research. Wahrscheinlich sei es eine Mischung aus beidem.
Über die vergangenen 12 Monate ist die Kreditaufnahme für Aktienkäufe doppelt so stark gestiegen wie der S&P 500, zeigen Daten der US-Aufsicht Finra. Doch die Geschichte kennt dieses Muster nur zu gut. Jedes Mal, wenn die Margin Debt derart explosiv stieg, folgte ein Einbruch. Genau das war auch vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und vor der Finanzkrise (2007 bis 2009) der Fall. Wenn die Margin Debt den Markt weit überholt, bildet sich oft ein Top. Zwar sind die Datenpunkte historisch begrenzt – aber sie sind erschreckend.
Das eigentliche Risiko entsteht, wenn die Rallye ins Stocken gerät. Sinkende Kurse führen zu so genannten Margin Calls: Broker fordern von den Kreditnehmern zusätzliche Sicherheiten oder verkaufen Positionen zwangsweise. Ein paar Prozent Minus können dann ausreichen, um Kettenreaktionen auszulösen, bei denen fallende Kurse zu weiteren Margin Calls führen – ein Mechanismus, der aus normalen Korrekturen regelrechte Crashs macht.
Besonders alarmierend: Erste Daten aus diesem Monat zeigen, dass die riskantesten Kreditwetten bereits wackeln. Besonders betroffen sind hochvolatile Aktien und alles, was zuvor durch Kauf-Optionen hochgepumpt wurde. Die Sektoren, die zwischen dem 8. April und dem 29. Oktober die beste Performance erzielten, sind seitdem die größten Nachzügler, zeigen Berechnungen der Deutschen Bank. Ein Aktienkorb der Strategen mit diesen Risiko-Titeln verzeichnet derzeit den schlechtesten Monat seit Beginn der Datenreihe im Jahr 2019, gemessen an der Underperformance gegenüber dem Index.
Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass eine Gegenbewegung bereits eingesetzt hat.
Fazit
Während KI-getriebene Strategien, Optionswetten und rekordniedrige Volatilität eine trügerische Sicherheit nähren, wächst das systemische Risiko mit jedem weiteren Kreditdollar. Mehr als eine Billion geliehenes Geld steht mittlerweile im Markt. Sollte sich die Stimmung drehen, könnte der Abbau dieser Hebel schneller einsetzen, als viele erwarten.
Einen Crash mit Sicherheit vorherzusagen ist nicht möglich. Aber die Voraussetzungen ähneln jenen vor früheren Marktverwerfungen. Die Wall Street lebt erneut vom geliehenen Optimismus. Und die Geschichte zeigt: Wenn dieser endet, folgen Margin Calls – und die Schwerkraft erledigt den Rest.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


