Notenbank wirft das Handtuch
Zweifelhafte Daten, Strafzölle und hohe Importe – kein Boden für die Rupie
Die indische Rupie jagt von einem Rekordtief zum nächsten. Unsichere Daten, hohe Zölle und nervöse Märkte haben die Währung auf ein Niveau gedrückt, das selbst die Notenbank an ihre Grenzen bringt.
- Indische Rupie verliert stark, schlechtester Jahresstart.
- Hohe Zölle und Handelsprobleme belasten Währung.
- Notenbank hat begrenzte Mittel zur Stabilisierung.
- Report: Platzt die Alles‑Blase?
Die indische Rupie zählt 2025 zu den Überraschungen auf den globalen Devisenmärkten – allerdings in negativer Hinsicht. Während Indien mit beeindruckendem Wirtschaftswachstum Schlagzeilen macht, geht es für die Währung gleichzeitig so steil bergab wie für keine andere in Asien. Die Rupie hat den schlechtesten Jahresstart seit Jahren hinter sich – und der Trend zeigt weiter nach unten.
Seit Anfang Januar hat die Währung gegenüber dem Euro etwa 16 Prozent an Wert verloren. Und selbst zum schwachen US-Dollar hat die Rupie etwa fünf Prozent eingebüßt. Neue Rekordtiefs gibt es fast im Wochentakt und der Vormarsch in Richtung der psychologisch wichtigen Marke von 90 Rupien je US-Dollar scheint unaufhaltsam.
Auslöser Nummer eins für die Talfahrt ist ein Handelsproblem, das immer größer wird: Indien ist eines der letzten großen Länder ohne Handelsabkommen mit den USA. Die Folge sind Strafzölle von bis zu 50 Prozent auf indische Exporte – einer der höchsten Sätze Asiens. Diese Belastung drückt die Wettbewerbsfähigkeit indischer Firmen, bremst Exporte und sorgt gleichzeitig für hohe Dollar-Nachfrage seitens der Importeure. Analysten sprechen von einer "völligen Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage".
Vor allem die importlastigen Branchen – etwa Gold, Silber und Industriemetalle, die sich nahe Rekordniveaus bewegen – erhöhen die Dollar-Nachfrage noch weiter. Exporte dagegen bleiben schwach. Händler berichten, dass viele Unternehmen US-Dollar "präventiv" kaufen, weil sie täglich neue Wertverluste der Rupie befürchten.
Und die Notenbank (RBI) scheint mittlerweile auch die Flinte ins Korn geworfen zu haben und reagiert nur noch sehr halbherzig. Aktuell beschränkt sie sich nur noch auf sporadische Dollarverkäufe, um die extremsten Ausschläge zu verhindern, stoppen will oder kann sie den Trend nicht. Ein Grund: Sie gibt bereits Unsummen für die Stabilisierung der Landeswährung aus. Die Termingeschäfte, mit denen sie die Rupie stützt und den US-Dollar bremst, sind im Oktober auf ein Volumen von rund 64 Milliarden US-Dollar angewachsen. Der Markt weiß das – und setzt darauf, dass die RBI ihre begrenzte Munition nicht für die Verteidigung der Marke 90 verpulvern wird.
Analysten von ANZ und IDFC First warnen bereits: Ohne Handelsdeal könnte die Rupie noch 2025 über 90 steigen – und 2026 sogar die Marke 91 durchbrechen.
Zwar gab Indien für das dritte Quartal das stärkste Wachstum seit sechs Quartalen bekannt, allerdings bestehen Zweifel daran, ob die Zahlen wirklich stimmen. Der IWF hat die Datenqualität Indiens auf einer Skala von A bis D jüngst mit der Note "C" bewertet, was Zweifel an der Richtigkeit der Angaben nährt und ein weiterer Unsicherheitsfaktor für Investoren ist. Hinzu kommt, dass der Zinsabstand zu entwickelten Ländern groß bleibt und konstant Kapital abfließt – allein dieses Jahr sind aus indischen Aktien 16 Milliarden US-Dollar abgeflossen.
Gleichzeitig belastet die Währungsschwäche die Märkte. Indien ist ein großer Energieimporteur, und ein schwacher Wechselkurs treibt die Kosten für Öl und Gas in die Höhe. Das heizt die Inflation an – und genau das möchte die RBI verhindern. Ihr Chef, Sanjay Malhotra, bezeichnete einen jährlichen Rückgang von "3 bis 3,5 Prozent" als "typisch" – in diesem Jahr sind es allerdings schon 5 Prozent. Dieser gleitende Abwertungspfad droht außer Kontrolle zu geraten.
Auch an den Finanzmärkten zeigt sich die Nervosität. Immer wenn die Rupie Richtung 90 fällt, geben Aktien ihre Gewinne ab, Anleiherenditen steigen und Händler berichten von panikartigen Dollar-Käufen.
Der Kern des Problems bleibt politisch: Solange das Handelsabkommen mit Washington nicht steht, bleiben die Zölle hoch, der Leistungsbilanzdruck groß und die Anleger vorsichtig. Ein Deal könnte die Rupie zumindest etwas stabilisieren – doch immer neue Verzögerungen lassen die Hoffnung bröckeln.
Aber solange es nicht dazu kommt, wird die Rupie weiter schwächeln und die Notenbank hat nur begrenzte Möglichkeiten, die Talfahrt zu bremsen. Und die Märkte bereiten sich auf das vor, was niemand in Indien hören will: Die Marke 90 ist nicht mehr die Untergrenze – sie könnte erst der Anfang sein.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


