Bildungskrise
US-Wirtschaft verliert Billionen durch Einsparungen
Nach jahrelangen Sparmaßnahmen im Bildungssystem sind die Lese- und Rechenfähigkeiten vieler Amerikaner besorgniserregend niedrig. Das kostet die US-Wirtschaft jährlich Billionen. Doch ein Umdenken gibt es nicht.
- Bildungskrise in den USA: Lese- und Rechenfähigkeiten niedrig.
- Jährliche Kosten von 2,2 Billionen Dollar für Wirtschaft.
- Dringende Reform nötig, um global wettbewerbsfähig zu bleiben.
- Report: Gold & Silber auf Rekordjagd
Die niedrige Lese- und Rechenkompetenz in den USA ist eine der größten, aber meist übersehenen Herausforderungen des Landes. Mehr als ein Fünftel der Erwachsenen kann weder richtig lesen noch schreiben oder auch einfache Texte verstehen. Weitere 54 Prozent haben Lese- und Schreibfähigkeiten, die höchstens auf dem Niveau der 6. Klasse liegen. Diese Defizite kosten die US-Wirtschaft jährlich rund 2,2 Billionen US-Dollar.
Besonders dramatisch ist die Verbindung von Bildungsmängeln und Armut. In ärmeren Gegenden können sich Familien oft nicht leisten, ihre Kinder auf eine gute Schule zu schicken, nicht zuletzt da diese sehr teuer sind. Besonders betroffen sind Migranten: 34 Prozent der illiteraten Erwachsenen in den USA sind im Ausland geboren. Gleichzeitig zeigt diese Quote aber auch, dass zwei Drittel der nicht ausreichend ausgebildeten Menschen das amerikanische Schulsystem durchlaufen haben, aber trotzdem nicht richtig schreiben und rechnen können.
Im internationalen Vergleich liegen die USA im Bereich der Lese- und Schreibfähigkeit nur auf Platz 36. Viele entwickelte Länder schneiden viel besser ab – beispielsweise Deutschland mit einer Alphabetisierungsrate von über 99 Prozent. Obwohl Deutschland bei der PISA-Studie immer wieder schwach abschneidet, zeigt sich der Unterschied zu den USA darin, dass in Deutschland gute Grundkompetenzen vorhanden sind, während die USA mit niedrigeren Bildungsniveaus kämpfen, was weitreichende wirtschaftliche und soziale Folgen hat.
Die US-Bildungspolitik hat sich seit den 1980er Jahren dramatisch verändert. Präsident Ronald Reagan startete eine Politik der Einsparungen, die auch das Bildungssystem betrafen. Dies führte zu Kürzungen bei den Bundesmitteln für Schulen und Universitäten. Diese Tendenz wurde in den vergangenen Jahrzehnten fortgesetzt und erreicht aktuell mit Donald Trump, der die Auflösung des Bildungsministeriums vorantreibt, seinen Höhepunkt.
Diese Einsparungen haben zu einem dramatischen Leistungsabfall geführt. Ein Drittel der Achtklässler in den USA hat Schwierigkeiten, selbst einfache Texte zu lesen – der höchste Wert seit 1992, zeigt eine aktuelle NAEP-Umfrage. Bei den Viertklässlern sind 40 Prozent unter dem grundlegenden Lese-Niveau. Diese Rückschläge sind nicht nur auf die Corona-Auswirkungen zurückzuführen, sondern zeigen eine tiefe Bildungskrise, die lange vor der Pandemie begann.
Ein Hauptproblem liegt darin, dass die Bildungsanforderungen in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesenkt wurden. Schulen stellen den Schülern immer geringere Anforderungen, was zu einem erheblichen Leistungsrückgang führt. Anstatt sich auf die Verbesserung des Unterrichts zu konzentrieren, setzen einige Bundesstaaten inzwischen auf Künstliche Intelligenz (KI) im Unterricht, um Lehrer zu ersetzen. Systeme wie Amira Learning, die das Leseverständnis verbessern sollen, sind jedoch kein Ersatz für den menschlichen Kontakt, der für erfolgreiches Lernen unerlässlich ist.
Die wirtschaftlichen Folgen dieser gesenkten Bildungsstandards sind enorm. Aufgrund ihres niedrigeren Bildungsniveaus werden heutige Schüler im Laufe ihres Lebens 7,7 Prozent weniger verdienen, als sie es vor Beginn der Sparpolitik hätten, hat der Bildungsökonom Eric Hanushek berechnet. Diese Verluste, kombiniert mit schwächeren Steuereinnahmen, könnten das US-BIP in den kommenden Jahrzehnten um 6 Prozent niedriger ausfallen – was insgesamt einen Schaden von 90 Billionen US-Dollar bis zum Ende des Jahrhunderts ausmachen würde.
Die USA stehen also vor einer entscheidenden Wahl: Entweder es wird eine ernsthafte Bildungsreform angestoßen, die auf hohe Standards, gleichmäßige Ressourcenverteilung und bessere Lehrerqualifikationen setzt – oder das Land wird mit der Zeit immer größere Schwierigkeiten haben, mit seinen globalen Wettbewerbern Schritt zu halten. Nur mit Wohlhabenden, die sich eine gute Schulbildung weiter leisten können, können Fortschritte und Innovationen auf Dauer nicht vorangetrieben werden. Die Folge wären schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Probleme. So wie das Bildungssystem derzeit funktioniert, werden die USA die Herausforderungen der Zukunft kaum meistern können.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

