Gewaltige Rallye
Kupfer steuert auf "galaktische Höchststände" zu
Zölle, Energiewende, KI und massive Lageraufstockungen in den USA bringen den Kupfermarkt aus dem Gleichgewicht. Strukturelle Defizite könnten die Preise in bislang ungeahnte Höhen steigen lassen.
- Kupferpreise steigen stark durch Angebotsengpässe.
- USA hortet Kupfer, Lagerbestände über 60% weltweit.
- Marktdefizit bis 2026 erwartet, Preise könnten steigen.
- Report: Vorsicht, geheim!
Kupfer erlebt eines der spektakulärsten Comebacks der vergangenen Jahre. Der Preis für das Industriemetall ist seit Jahresbeginn um rund 35 Prozent gestiegen und hat an der London Metal Exchange (LME) zeitweise fast 12.000 US-Dollar je Tonne erreicht – den höchsten Stand aller Zeiten. Getrieben wird die Rallye von einer explosiven Mischung aus Angebotsengpässen, geopolitischer Unsicherheit und einem Nachfrageboom durch Energiewende und künstliche Intelligenz.
Besonders auffällig ist die Entwicklung in den USA. Aus Sorge vor möglichen Importzöllen unter Präsident Donald Trump wird dort massiv Kupfer gehortet. Allein in diesem Jahr sind laut LME-Daten rund 650.000 Tonnen zusätzlich in die USA geflossen. Die Lagerbestände auf der US-Terminbörse Comex haben sich auf etwa 750.000 Tonnen aufgebläht und machen inzwischen mehr als 60 Prozent der weltweiten Börsenbestände aus. Der Preisunterschied zwischen den USA und dem Weltmarkt schafft starke Arbitrageanreize – mit der Folge, dass Kupfer andernorts knapp wird.
Diese Verlagerung verschärft die Lage an der LME, die oft als letzte Reserve des globalen Kupfermarkts gilt. Die dortigen Bestände sind seit Jahresbeginn um fast 40 Prozent gefallen, rund 40 Prozent des verbliebenen Metalls sind bereits für physische Auslieferung reserviert. Marktbeobachter sprechen von einer zunehmenden strukturellen Verknappung außerhalb der USA.
Hinzu kommen massive Probleme auf der Angebotsseite. Minenstörungen, Unfälle und niedrigere Förderprognosen prägen den Ausblick bis mindestens 2026. Große Produzenten wie Glencore und Rio Tinto haben ihre Förderziele für das kommende Jahr deutlich gesenkt. Analysten sehen den Kupfermarkt bereits heute in einem klaren Defizit, das sich 2026 weiter ausweiten dürfte. Schätzungen reichen von rund 150.000 Tonnen bis hin zu fast 600.000 Tonnen Unterversorgung.
Das Jahr 2025 sei von "erheblichen Störungen" geprägt, mit Produktionsrückgängen mehrerer großer Bergbauunternehmen, erklärte die Deutsche Bank in einer Mitteilung am Mittwoch. "Insgesamt sehen wir ein deutliches Marktdefizit, wobei das Angebot aus den Minen im vierten Quartal 2025 und im ersten Quartal 2026 am schwächsten sein wird", so die Bank, die für die erste Hälfte des Jahres 2026 Spitzenpreise und eine angespannte Marktlage erwartet.
Auf der Nachfrageseite bleibt Kupfer unverzichtbar. Der Ausbau von Stromnetzen, erneuerbaren Energien, Elektrofahrzeugen und vor allem Rechenzentren für KI verschlingt enorme Mengen des Metalls. Datenzentren benötigen Kupfer nicht nur für die Stromversorgung, sondern auch für Kühlung und Infrastruktur. Selbst eine schwächere Konjunktur in China konnte diese Dynamik bislang nicht bremsen.
Die Preisprognosen spiegeln diese Zuspitzung wider. Während konservative Szenarien Kupfer 2026 bei rund 10.650 US-Dollar je Tonne sehen, rechnen optimistischere Analysten mit bis zu 15.000 US-Dollar! Die Kupferpreise werden auf "galaktische neue Höchststände" steigen, erwartet Andrew Glass, CEO von Avatar Commodities. Insbesondere da die physische Hortung in den USA die internationale Verfügbarkeit weiter schmälert.
Das größte Risiko für die Rallye wäre ein klares Aus für US-Zölle: Dann könnten gehortete Bestände schlagartig auf den Markt zurückkehren und der Markt würde einbrechen. Bis dahin aber bleibt Kupfer eines der knappsten – und politisch sensibelsten – Metalle der Welt.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion
