Teurer Irrtum
Deutschland hat sich in eine Falle manövriert
Günstige Energie, große Märkte, starke Gewinne. Deutschland glaubte lange, Wirtschaftsverbindungen schaffen Stabilität. Doch Handel wird auch gezielt als Machtinstrument genutzt. Das zu unterschätzen kann teuer sein.
- Abhängigkeiten von autoritären Staaten ignoriert.
- Handel als geopolitisches Machtinstrument erkannt.
- Notwendigkeit von Diversifizierung und Sicherheitsprüfungen.
- Report: Vorsicht, geheim!
Deutschland hielt wirtschaftliche Beziehungen lange für einen Stabilitätsanker. Doch autoritäre Staaten denken anders. Russland und China nutzen Handel gezielt als Machtinstrument – und Deutschland hat das zu spät erkannt.
Deutschland verstand sich jahrzehntelang als Musterfall der Globalisierung. Handel, so die Überzeugung, schafft Wohlstand, Verflechtung und am Ende auch Stabilität. Man hoffte, durch Gas-, Auto- und Maschinenhandel mit der ganzen Welt Beziehungen aufzubauen, die im gegenseitigen Interesse sein sollten.
Doch was hierzulande als "rein wirtschaftliches Projekt" galt, erwies sich als Einbahnstraße in eine strategische Abhängigkeit – mit politischen und sicherheitspolitischen Folgen. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde sichtbar, wie trügerisch dieses Denken war. Dennoch zeigt sich auch heute noch immer wieder, dass wenig gegen solche Abhängigkeiten unternommen wird, sei es bei Antibiotika, Autochips oder seltenen Erden.
Das Grundproblem liegt in zwei völlig unterschiedlichen Logiken. Deutsche Unternehmen handeln nach marktwirtschaftlichen Kriterien: günstige Energie, verlässliche Lieferketten, neue Absatzmärkte. Staaten wie Russland oder China dagegen betrachten wirtschaftliche Beziehungen nicht primär als Geschäft, sondern als geopolitisches Instrument, schreibt Birgit Jennen in ihrem Buch "Putins Marionetten". Sie nutzen Handel, Investitionen und Preise gezielt, um politischen Einfluss in anderen Ländern zu gewinnen, Abhängigkeiten zu schaffen und Handlungsspielräume einzuengen. Natürlich braucht eine Exportnation wie Deutschland für Wachstum und Wohlstand internationalen Handel. Doch beim Handel mit autokratischen Staaten muss klar sein, dass es hier nicht allein ums Geschäft geht.
Diese Asymmetrie wurde in Deutschland lange ignoriert. Die Politik folgte der Industrie und erklärte zentrale Projekte zur reinen Wirtschaftssache. Sicherheitspolitische Risiken wurden ausgeblendet oder nachrangig behandelt. Der kurzfristige Vorteil – billige Energie, große Aufträge – überwog jede strategische Vorsicht. Natürlich war Siemens daran interessiert, Gasturbinen, von denen eine rund 30 Millionen Euro kostet, an Russland zu verkaufen, und natürlich wollte sich BASF günstige Gaslieferungen nach Deutschland sichern. Dass die Gegenseite diese Beziehungen unter Umständen völlig anders eingeordnet hat, spielte kaum eine Rolle.
Abhängigkeit entsteht dabei selten abrupt, sondern schleichend. Attraktive Konditionen wirken wie ein Lockmittel, Netzwerke zwischen Unternehmen und Politik verfestigen Interessen, und mit jeder neuen Investition wird ein Ausstieg teurer. Autokratische Staaten kalkulieren langfristig, erläuterte Jennen im Interview mit wallstreetONLINE. Sie akzeptieren wirtschaftliche Zugeständnisse, solange sie strategische Positionen gewinnen. Komplexe Strukturen und Grauzonen erschweren politische Korrekturen – und wenn die Rechnung präsentiert wird, ist der Handlungsspielraum bereits stark eingeschränkt.
Russland lieferte dafür das Lehrbeispiel. Trotz wachsender Warnsignale wurde die wirtschaftliche Verflechtung weiter vertieft. Abhängigkeiten wurden nicht als Risiko, sondern notwendig und im beidseitigen Interesse gesehen. Erst als Moskau seine wirtschaftliche Macht offen politisch einsetzte, wurde klar, wie einseitig dieses Modell war. Der Preis für jahrzehntelange Naivität zeigte sich schlagartig – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich.
Das Muster droht sich nun im Verhältnis zu China zu wiederholen. Auch hier werden Marktgröße und Wachstumspotenzial so stark gewichtet, dass Risiken ausgeblendet werden. Doch wer glaubt, dass der Ausbau wirtschaftlicher Verflechtungen folgenlos bleibt, verkennt die Realität autoritärer Systeme, sagt Jennen. Sie trennen nicht zwischen Wirtschaft und Macht – sie verbinden beides.
Die Lehre ist unbequem, aber notwendig: Wirtschaftsbeziehungen zu autoritären Staaten können nicht allein nach betriebswirtschaftlichen Kriterien beurteilt werden. Wo die Gegenseite geopolitisch denkt, muss auch Politik geopolitisch handeln. Das bedeutet nicht wirtschaftliche Abkopplung, sondern mehr Diversifizierung, klare Sicherheitsprüfungen für Schlüsselindustrien und einen politischen Rahmen, der der Wirtschaft Grenzen setzt, wenn Abhängigkeiten geschaffen und europäische Sicherheitsinteressen tangiert werden.
Deutschlands Wohlstand hängt am Welthandel. Seine Souveränität darf es nicht.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


