Forint, Peso und Real
Investoren schichten in Schwellenlandwährungen um – US-Dollar in Negativ-Zyklus
Nach 14 Jahren Bärenmarkt erleben Schwellenland-Währungen ein Comeback. Investoren kehren dem US-Dollar den Rücken. Stattdessen werden Währungen, die lange als Nischenmarkt galten, plötzlich zu Favoriten.
- Schwellenland-Währungen erholen sich nach Bärenmarkt.
- Investoren meiden US-Dollar, suchen neue Favoriten.
- Devisenhandel mit EM-Währungen boomt, Rekordgewinne.
- Report: Vorsicht, geheim!
Am Devisenmarkt, an dem täglich fast 10 Billionen US-Dollar gehandelt werden, vollzieht sich ein tiefgreifender Stimmungswechsel. Der seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltende Bärenmarkt für Schwellenland-Währungen gilt unter Investoren als beendet. Stattdessen mehren sich die Zeichen für einen strukturellen Negativ-Zyklus beim US-Dollar. Auslöser ist eine Kombination aus politischer Unsicherheit in den USA, einer spürbaren Dollarschwäche und der Neubewertung globaler Kapitalströme.
Symbolisch dafür steht der ungarische Forint. Die Währung hat in diesem Jahr rund 17 Prozent gegenüber dem US-Dollar zugelegt und steuert auf das beste Jahr seit fast 25 Jahren zu. Das Handelsvolumen hat sich seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump mehr als verdoppelt. Der Forint ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines breiteren Trends. Der MSCI-Index für Schwellenland-Währungen erreichte im Juli ein Rekordhoch und liegt seit Jahresbeginn mehr als 6 Prozent im Plus – der stärkste Anstieg seit 2017.
Nach Einschätzung vieler Marktteilnehmer markiert diese Entwicklung eine Zäsur. Analysten von JPMorgan sprechen davon, dass der 14 Jahre währende Bärenmarkt für Schwellenland-Währungen "gedreht" habe. Die Welt halte enorme US-Vermögenswerte, während Schwellenländer lange gemieden worden seien. Mit der zunehmenden Volatilität und Schwäche des US-Dollars geraten diese Positionierungen nun ins Wanken.
Tatsächlich ist der Handel mit Währungen aus Schwellenländern für die Devisenhändler zu einer regelrechten Gelddruckmaschine geworden. Er brachte den 25 weltweit führenden Banken in den ersten neun Monaten fast 40 Milliarden US-Dollar ein – ihr bisher bestes Jahr. Das ist mehr als doppelt so viel wie die 19 Milliarden US-Dollar, die die Banken mit den Währungen der G10-Staaten verdient haben, zeigen Daten von Vali Analytics.
Auffällig ist, dass die jüngsten Turbulenzen nicht von Schwellenländern selbst ausgelöst wurden, sondern von Ereignissen in den entwickelten Volkswirtschaften. Handelspolitische Spannungen, geopolitische Brüche und divergierende Geldpolitik sorgen für neue Bewegungen an den Devisenmärkten. Gleichzeitig machen stabilere Marktphasen Carry-Trades wieder attraktiver – also Strategien, bei denen in niedrig verzinsten Währungen finanziert und in höher verzinsten Schwellenländern investiert wird.
Davon profitieren Länder mit vergleichsweise soliden Fundamentaldaten. Der mexikanische Peso und der brasilianische Real zählen ebenso zu den stärksten Währungen des Jahres. Brasilien punktet mit Leitzinsen auf einem Zwei-Dekaden-Hoch von 15 Prozent, Mexiko mit einem liquiden Markt und einer als glaubwürdig wahrgenommenen Geldpolitik. Kapitalzuflüsse in lokale Anleihemärkte nehmen zu, ebenso die Bereitschaft internationaler Investoren, wieder Risiken einzugehen.
Der US-Dollar hingegen hat ein historisch schwaches erstes Halbjahr hinter sich und zeitweise fast 11 Prozent verloren – der stärkste Rückgang seit den frühen 1970er-Jahren. Weitere Zinssenkungen der US-Notenbank gelten als wahrscheinlich und könnten den Druck auf die Leitwährung verstärken. Für viele Investoren ist Dollar-Stärke damit keine Selbstverständlichkeit mehr.
Experten von Deutscher Bank, Goldman Sachs und mehr als einem halben Dutzend großer Investmentbanken prognostizieren, dass der US-Dollar im nächsten Jahr seinen Abwärtstrend fortsetzen wird. Der Dollar-Index, der die Entwicklung des Greenback gegenüber einem Korb der wichtigsten Weltwährungen abbildet, wird bis Ende 2026 um etwa 3 Prozent nachgeben, zeigen von Bloomberg zusammengestellte Konsensschätzungen.
Nicht alle Schwellenländer profitieren gleichermaßen. Die indische Rupie fiel auf Rekordtiefs, Indonesiens Rupiah leidet unter politischen Unsicherheiten. Doch der übergeordnete Trend bleibt klar: Kapital, Aufmerksamkeit und Handelsvolumen verlagern sich. Für Banken ist der EM-Devisenhandel bereits ein Milliardengeschäft, für Hedgefonds eine der profitabelsten Strategien des Jahres.
Was sich derzeit abzeichnet, ist mehr als eine kurzfristige Marktbewegung. Es ist ein Richtungswechsel – weg vom US-Dollar als alternativlosem Anker, hin zu einer breiteren, fragmentierteren Währungswelt. Für Schwellenland-Währungen endet damit eine lange Durststrecke. Für den US-Dollar hat ein Negativ-Zyklus begonnen, von dem niemand genau weiß, wie lange er anhalten wird.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion



