"Sell America" ist zurück
Investoren wenden sich von US-Anlagen ab – US-Aktien zu teuer
Der "Sell America"-Trade ist plötzlich wieder da. Auslöser sind neue Angriffe von US-Präsident Donald Trump auf die Unabhängigkeit der Notenbank. US-Aktien sind die teuersten weltweit, warnt Citi.
- "Sell America"-Trade durch Trumps Fed-Angriffe zurück.
- US-Aktien teuer, Diversifizierung wird zunehmend wichtig.
- Politische Unsicherheit gefährdet US-Märkte und Stabilität.
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Noch sind die Bewegungen moderat, doch die Richtung ist eindeutig. Nachdem die Trump-Regierung ihre Attacken auf die Federal Reserve verschärft hat, reagierten die Märkte reflexartig: Der US-Dollar gab nach, US-Staatsanleihen verloren an Wert, Aktienfutures rutschten ab. Im Zentrum steht die Frage, wie unabhängig die Notenbank ihre Geldpolitik noch gestalten kann. Experten sehen eine zunehmende Diversifizierung aus US-Assets heraus.
Fed-Chef Jerome Powell bestätigte, dass gegen die Notenbank im Zusammenhang mit internen Vorgängen Ermittlungen laufen. Für Investoren ist weniger der konkrete Vorwurf entscheidend als das Signal: Politischer Druck auf die Geldpolitik ist zurück – und damit ein Risiko, das viele bereits aus Trumps erster Amtszeit kennen.
Der "Sell America"-Trade beschreibt genau das Szenario, wenn US-Dollar, Treasuries und Aktien parallel unter Druck geraten. Am Markt gilt das als Warnsignal, weil es die traditionelle Rolle der USA als sicherer Hafen infrage stellt. Die Renditen langlaufender US-Anleihen stiegen, der Dollarindex verzeichnete den stärksten Tagesverlust seit Monaten, und die Futures auf den S&P 500 gaben spürbar nach.
Strategen warnen: Sollte der politische Konflikt eskalieren, könnte sich die Bewegung verstärken. Eine steilere Zinskurve, höhere langfristige Renditen und ein schwächerer US-Dollar wären die Folge. Genau dieses Muster hatten Investoren bereits im Frühjahr erlebt, als Trumps überraschende Zollankündigungen weltweit für Turbulenzen sorgten.
Die Nervosität trifft auf eine ohnehin heikle Ausgangslage. Die USA stellen rund 25 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, dominieren aber die Kapitalmärkte in einem Ausmaß, das zwei- bis vier-mal darüber liegt. US-Aktien machen mehr als 65 Prozent des MSCI AC World aus, der US-Dollar dominiert den internationalen Zahlungs- und Kreditverkehr. Gerät dieses System ins Wanken, trifft es Portfolios weltweit.
Entsprechend wächst der Wunsch nach Diversifizierung. Analysten von Citigroup erwarten, dass Anleger ihre Engagements außerhalb der USA weiter ausbauen. Europa, Japan und Schwellenländer profitieren von einer Annäherung der Gewinnentwicklung und von staatlichen Investitionsprogrammen. Diversifizierung bedeute nicht zwingend, die USA zu verkaufen – wohl aber, ihre Übergewichtung zu reduzieren.
Während alle wichtigen Aktienmärkte mit Bewertungen über ihrem historischen Durchschnitt gehandelt werden, sind US-Aktien laut dem Citi-Team am teuersten. Sie werden zum 22-fachen des erwarteten Gewinns gehandelt. Das Team ist in Schwellenländern und Europa (ohne Großbritannien) übergewichtet, in den USA und Japan neutral und in Großbritannien und Australien untergewichtet. Zu den bevorzugten globalen Sektoren zählen Technologie, Finanzen und Gesundheitswesen, während Konsumsektoren untergewichtet sind.
Der "Sell America"-Trade ist kein panischer Ausverkauf, sondern ein schleichender Prozess. Doch Trumps erneute Angriffe auf die Fed haben ihn wiederbelebt. Solange politische Unsicherheit und Zweifel an institutioneller Stabilität bestehen, bleibt das US-Übergewicht an den Kapitalmärkten ein strukturelles Risiko. Für Anleger heißt das: Die Ära der automatischen USA-Überrendite ist vorbei – und Diversifizierung kein Randthema mehr, sondern Kernstrategie für 2026.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


