Wichtigster Kreditgeber
Kapital als Waffe: Europa hält über 10 Billionen Dollar an US-Assets
Während die USA mit neuen Zoll-Drohungen gegen Europa auftrumpfen, sitzen die Europäer auf einem gewaltigen Machtinstrument, das bislang noch nie eingesetzt wurde. Diese "Waffe" könnte sogar die USA zum Zittern bringen.
- Europa hält 8 Billionen USD in US-Vermögen.
- Finanzpolitischer Gegenschlag könnte US-Dollar belasten.
- EU hat "Anti-Coercion Instrument" gegen Druckmittel.
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Konkret geht es um die riesigen US-Vermögenswerte, die Europa hält. Denn was kaum bekannt ist: Europäische Länder halten mehr als 10 Billionen US-Dollar an US-Anleihen und -Aktien. Das ist fast doppelt so viel wie der Rest der Welt zusammen, zeigen Daten der US-Notenbank. Damit ist Europa de facto der größte Kreditgeber der Vereinigten Staaten. Angesichts der wachsenden geopolitischen Spannungen kann sich das als gutes Argument erweisen.
Macht und Einfluss an den Märkten werden heute nicht mehr allein durch Waffen oder Waren bestimmt. Im globalen Finanzsystem zählen zunehmend andere Faktoren, die weniger im Rampenlicht stehen, aufgrund ihrer Schlagkraft aber nicht unterschätzt werden dürfen. Und Europa verfügt in diesem Spiel über mehr Hebel, als viele denken.
Auslöser der jüngsten Debatte sind die Handelsdrohungen von US-Präsident Donald Trump gegenüber Europa vom Wochenende – verbunden mit dem bizarren Vorschlag, Grönland kaufen zu wollen. Doch statt seinerseits wiederum mit Strafzöllen zu reagieren, könnte Europa mit einem finanzpolitischen Gegenschlag antworten: dem Rückzug aus US-Vermögenswerten.
Ein solcher Schritt würde nicht nur den US-Dollar unter Druck setzen, sondern auch die Zinsen für US-Staatsanleihen steigen lassen, argumentiert George Saravelos, Chefstratege der Deutschen Bank. Für eine US-Regierung, die auf niedrige Zinsen und stabile Finanzmärkte vor den Midterm-Wahlen im Herbst angewiesen ist, wäre das ein sehr sensibles Thema.
Ein erstes Warnsignal kam bereits vergangenes Jahr aus Dänemark, als dänische Pensionsfonds begannen, ihre Dollar-Positionen schrittweise zu reduzieren. Am Donnerstag kündigte der Bondriese PIMCO, eine Tochteresellschaft der Allianz, an, Kapital aus den USA abzuziehen und seine Anlagen stärker zu diversifizieren.
Saravelos sieht in den aktuellen Entwicklungen ein mögliches Katalysatorereignis für eine breitere Kapitalumschichtung in Europa – weg vom US-Dollar, hin zu mehr Autonomie. Diese Tendenz ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten, nicht erst seit Beginn der zweiten Amtszeit von Trump. Aber zuletzt hat sich das Tempo deutlich erhöht. Die Grönland-Krise könnte für Europäer der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Die Europäische Union verfügt über das sogenannte "Anti-Coercion Instrument" – ein rechtliches Werkzeug, mit dem sie auf ökonomischen Druck durch Drittstaaten reagieren kann. Es erlaubt der EU, Maßnahmen gegen wirtschaftliche Erpressung zu ergreifen, etwa durch Kapitalmarktbeschränkungen oder Gegenmaßnahmen im Finanzsektor. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat es bereits ins Spiel gebracht. Aber noch ist unklar, ob Brüssel dieses Instrument aktivieren wird. Doch die bloße Existenz erhöht Europas Verhandlungsspielraum – besonders in einem Umfeld, in dem sich die USA zunehmend auf aggressive Außen- und Wirtschaftspolitik stützen.
So stark Europas Position auf dem Papier erscheint – der Hebel birgt Risiken. Ein abrupter Abzug europäischer Gelder aus den USA könnte die eigene Währungsstabilität gefährden und den Euro unter Druck setzen. Auch europäische Banken mit hoher US-Exposure wären betroffen. Zudem könnte ein Finanzkonflikt mit den USA neue Unsicherheiten in ohnehin fragile Märkte bringen. Gleichzeitig bietet die Situation aber auch eine Chance: Die aktuellen Spannungen könnten eine neue politische Geschlossenheit Europas fördern.
Zumindest könnte es für Europa eine gute Idee sein, seine diversen Abhängigkeiten etwas zu reduzieren. Ob nun mit Blick auf Medikamente und seltene Erden aus China, Gas und Öl aus Russland oder eben Technologie und Finanzen aus den USA. Denn Abhängigkeiten machen erpressbar, wie sich in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt hat. In einer Zeit, in der Handelskriege Alltag geworden sind, könnten Kapitalflüsse in geopolitischen Auseinandersetzungen ein wirkungsvolles Argument sein. Und Europa hat in diesem Spiel mehr Macht, als es lange geglaubt hat.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

