Ende der Dollar-Dominanz
Das Petrodollar-System verschwindet
Seit den 1970er Jahren stützt das Petrodollar-System die Dominanz des US-Dollars. Doch damit könnte jetzt Schluss sein.
- Petrodollar-System seit 1970er für Dollar-Dominanz.
- Ölhandel diversifiziert, alternative Währungen im Trend.
- Geopolitische Spannungen gefährden Petrodollar-Zukunft.
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Das Petrodollar-System ist eines der mächtigsten und gleichzeitig unsichtbarsten Phänomene des globalen Finanzsystems. Seit den 1970er Jahren macht es dieses System erforderlich, Öl weltweit in US-Dollar zu handeln. Dadurch ist der Greenback zu einer Art "Weltwährung" geworden. Gleich mehrere jüngste Entwicklungen stellen dieses System und damit auch die Dollar-Dominanz nun in Frage.
Die Vereinbarung zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien im Jahr 1974, Ölverkäufe in US-Dollar abzuwickeln, sicherte der Währung eine zentrale Rolle im internationalen Handel und stärkte die US-Wirtschaft über Jahrzehnte hinweg.
Der Petrodollar ermöglichte es den USA, chronische Haushaltsdefizite zu finanzieren, ohne mit den gleichen wirtschaftlichen Konsequenzen konfrontiert zu werden wie andere Nationen. Der Grund: Länder, die Öl importierten, mussten für den Kauf erst einmal Dollar erwerben, was eine konstante Nachfrage nach der US-Währung sicherte. Diese Nachfrage half nicht nur, den Dollarwert zu stabilisieren, sondern ermöglichte es den USA auch, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen und den US-Staatsanleihenmarkt aufrechtzuerhalten.
Doch in den letzten Jahren ist das Petrodollar-System ins Wanken geraten. Die Energieexporteure suchen zunehmend nach alternativen Währungen für den Ölhandel, und China sowie Russland haben bereits begonnen, Ölgeschäfte in anderen Währungen wie dem Yuan oder Euro abzuwickeln. Diese Verschiebung ist nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern auch eine Reaktion auf die geopolitische Machtpolitik der USA, die ihren Dollar zunehmend als Instrument zur Ausübung von Druck und Sanktionen einsetzen.
Die Venezuela-Krise ist ein Paradebeispiel: Während für den US-Konflikt mit Maduro und seiner Regierung vordergründig politische und wirtschaftliche Ursachen genannt wurden, sind die gewaltigen Ölreserven Venezuelas und deren Einfluss auf das Petrodollar-System nicht zu verachten. Das Land besitzt mit rund 300 Milliarden Barrel die größten Ölreserven der Welt und hatte seine Verkäufe ab 2018 auf Yuan und Rubel umgestellt. Russland und der Iran nutzen sowieso schon Dollar-Alternativen und sogar Saudi-Arabien hat über Verkäufe in Yuan verhandelt. Schätzungen zufolge ist inzwischen etwa 20 Prozent des weltweiten Ölhandels nicht mehr in US-Dollar denominiert, was zeigt, dass die Dominanz des Petrodollars zunehmend von anderen Währungen wie dem Euro und dem Yuan herausgefordert wird.
Über Jahrzehnte hinweg gab es eine feste Beziehung zwischen dem US-Dollar und dem Ölpreis. Wenn der Greenback stieg, fiel der Ölpreis. Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren aber grundlegend verändert, wie aus Analysen von JPMorgan hervorgeht. Mittlerweile ist keine Korrelation mehr wahrnehmbar. Diese veränderte Beziehung zwischen dem US-Dollar und den Ölpreisen deutet auf eine Abschwächung des Petrodollar-Systems hin.
Auch bei den globalen Währungsreserven ist der Anteil des US-Dollars heute deutlich geringer als noch vor 25 Jahren. Die US-Regierung hat in den letzten Jahren versucht, die Dominanz des Petrodollars auf verschiedenen Wegen zu verteidigen: So sollte die Rolle des Dollars mit Stablecoins und digitalen Währungen gestärkt werden. Einige Strategen sehen sogar in der militärischen Intervention in Venezuela einen Versuch, den Dollar als dominierende Währung im Ölhandel, beim Zahlungsverkehr und in der globalen Finanzierung zu erhalten. (Nur nebenbei: Nachdem Saddam Hussein im Jahr 2000 ankündigte, Öl nur noch in Euro zu verkaufen, marschierten die USA 2003 in das Land ein und der Ölhandel wurde wieder auf US-Dollar umgestellt.)
Diese extremen Maßnahmen können jedoch als Zeichen der "Verzweiflung" angesehen werden, erklärt Richard Werner von der University of Winchester gegenüber Reuters. Sie dürften den Niedergang des Petrodollars eher noch beschleunigen, wenn die BRICS-Staaten und andere Länder des „globalen Südens“ sich gegen Washingtons Einsatz militärischer Gewalt zur Aufrechterhaltung der Währungsdominanz wehren.
Das Petrodollar-System wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Monetäre Imperien zerfallen langsam, und der US-Dollar bleibt auch in den kommenden Jahren eine zentrale Währung auf den globalen Märkten. Doch die zunehmende Diversifizierung von Währungen im Ölhandel, gepaart mit den geopolitischen Spannungen, sorgt dafür, dass der Petrodollar in eine Defensivphase übergeht. Und wie bei jeder großen geopolitischen Veränderung wird auch das Ende des Petrodollars schrittweise und nicht abrupt erfolgen – Vertrag für Vertrag, Vereinbarung für Vereinbarung.
In einer Welt, in der immer mehr Länder ihre finanzielle Souveränität suchen, könnte der Wandel jedoch schneller vonstattengehen als viele vermuten.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion



