Dritte Weltmacht?
Das Ende der Dollar-Weltordnung
Der internationale Konsens über Wirtschafts- und Sicherheitsfragen ist zuletzt immer wieder herausgefordert worden. In einer neuen Weltordnung könnte zwischen den USA und China Platz für eine dritte Großmacht sein.
- Weltordnung in Frage: China gewinnt Einfluss, USA schwächelt.
- Länder der Mitte suchen neue Bündnisse gegen Großmächte.
- Flexibilität und Kooperation prägen zukünftige geopolitische Strategien.
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Das weltweite politische System, das nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Gründung der Vereinten Nationen und der NATO eine regelbasierte Ordnung etablierte, ist zunehmend in die Kritik geraten. Nicht zuletzt, weil US-Präsident Donald Trump mit einem immer aggressiveren Vorgehen gegen einstige Partner diese Ordnung destabilisiert.
Als Folge davon macht sich ein neuer geopolitischer Kurs bemerkbar: Anstatt gegen China zu kämpfen, haben sich Länder wie Kanada unter Premierminister Mark Carney dazu entschlossen, mit den großen Mächten neue Bündnisse zu schmieden und damit einen klaren Bruch mit der traditionellen westlichen Ordnung zu vollziehen.
Die letzten Jahre haben die internationale Zusammenarbeit auf eine harte Probe gestellt. Besonders seit der Eskalation der politischen Spannungen rund um das Thema Souveränität und geostrategische Interessen – allen voran durch die Diskussionen über die Zukunft Grönlands – ist deutlich geworden, dass das internationale System der Zusammenarbeit durch Verträge, Vereinbarungen und multilaterale Institutionen zunehmend an Einfluss verliert. Trump, der einseitig mit Handelszöllen droht und Partnern wie Dänemark ultimative Bedingungen stellt, erweist sich als Brandbeschleuniger bei der Zerstörung der regelbasierten Weltordnung.
Eine mögliche Konsequenz daraus wäre eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt, und in der die beiden wirtschaftlich und militärisch stärksten Nationen – USA und China – den anderen Nationen ihre Wünsche aufzwingen könnten. Um dem entgegenzuwirken hat Carney bei seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Kooperation von mittelgroßen Ländern ins Spiel gebracht. Er forderte diese "Länder der Mitte" auf, sich zu verbünden, um eine alternative, gerechtere Weltordnung zu schaffen.
"Großmächte haben begonnen, wirtschaftliche Integration als Waffe, Zölle als Druckmittel, Finanzinfrastruktur als Zwangsmittel und Lieferketten als Schwachstellen, die es auszunutzen gilt, einzusetzen", sagte Carney. "In einer Welt der Rivalität zwischen Großmächten haben die Länder dazwischen die Wahl: entweder miteinander um Gunst zu konkurrieren oder sich zusammenzuschließen, um einen dritten Weg mit Einfluss zu schaffen."
Diese "Länder dazwischen" könnten eine dritte Großmacht aufbauen. Möglich wäre eine neue Weltordnung, die auf Kooperation und flexible Bündnisse baut, die sich nach den aktuellen Bedürfnissen der Staaten richten. Dieses Konzept einer "variablen Geometrie" sieht eine breite Zusammenarbeit in spezifischen Bereichen wie Handel, Sicherheit und Technologie vor. Damit wären die USA nicht mehr der unangefochtene Führer der westlichen Strategie. Vielmehr würden sie nur eine Möglichkeit der Zusammenarbeit von mehreren darstellen, je nachdem, was jeweils am opportunsten wäre.
So traf Carney kürzlich eine strategische Partnerschaft mit Xi Jinping und schloss ein Handelsabkommen, das chinesische Elektroautos in Kanada erlaubt – ein klarer Bruch mit der US-Politik, die den chinesischen Markt durch hohe Zölle abblockt.
Diese Tendenz zur Abkehr von den USA zeigt sich nicht nur in Kanada, sondern auch in Europa. Länder wie Großbritannien und Deutschland suchen verstärkt den Dialog mit China, was nicht nur wirtschaftliche Gründe hat, sondern auch geopolitische Faktoren widerspiegelt. Indien und andere asiatische Länder versuchen schon länger, ein Gleichgewicht zwischen ihren Beziehungen zu den USA und China zu finden. Die weltweiten Spannungen zwischen den USA und dem Rest der Welt zwingen viele Länder dazu, ihre Optionen zu überdenken und sich aus der politischen Abhängigkeit von den USA zu befreien.
Für die USA, die einst die Hauptarchitektin der weltweiten Ordnung war, bedeutet dieser Trend eine enorme Herausforderung. Trump mag seine aggressive Außenpolitik als "America First" bezeichnen, doch die weltweiten Reaktionen deuten darauf hin, dass immer mehr Länder die USA als unzuverlässigen Partner wahrnehmen. Die Drohungen, etwa gegenüber Dänemark in Bezug auf Grönland, wirken wie der Versuch, die USA wieder zu einem dominierenden Akteur zu machen – doch das Gegenteil geschieht: Die US-Außenpolitik hat das Vertrauen vieler Staaten erschüttert.
Wie auch Carney betonte, hat sich die Welt verändert, und die US-amerikanischen Verbündeten stehen zunehmend vor der Wahl, entweder in die geopolitischen Spiele der Großmächte einzutreten oder neue Wege der Kooperation zu suchen. Länder wie Japan und Südkorea, die unter dem US-Sicherheitsdach standen, müssen jetzt ernsthaft über ihre zukünftige Sicherheitsarchitektur nachdenken und sich möglicherweise neu ausrichten.
Das Ende der regelbasierten Weltordnung ist eine weitreichende Entwicklung, die nicht nur die politische Landschaft verändert, sondern auch tiefgreifende wirtschaftliche und sicherheitspolitische Konsequenzen nach sich zieht. Die Staaten der Mitte, die früher von der US-amerikanischen Vormachtstellung profitierten, müssen nun selbständig Entscheidungen treffen, wie sie ihre Interessen mit denen der Großmächte in Einklang bringen können. Der internationale Wettbewerb um Einfluss und Wohlstand wird zunehmend auf der Basis von flexiblen Allianzen und strategischen Partnerschaften geführt.
Während Trump weiterhin auf konfrontative Politik setzt, scheinen viele Länder zunehmend in eine neue Ära der geopolitischen Flexibilität einzutreten. Die Vision von Carney und anderen Politikern einer "variablen Geometrie" könnte der Schlüssel zu einer weniger polarisierten, aber nicht weniger herausfordernden Zukunft werden. Im Gegenteil, selbst für wirtschaftliche Schwergewichte wie Deutschland und die gesamte Europäische Union könnten die nächsten Jahre zu einem Drahtseilakt werden, bei dem es entscheidend ist, zu große Abhängigkeiten sowohl von den USA als auch von China zu vermeiden.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

