Laut Ökonomen und CEOs
Stellenstreichungen in den USA: Erst der Anfang einer Welle?
Die zunehmende Verbreitung von KI macht immer mehr Arbeitsplätze in den USA überflüssig. Der CEO von Verizon ist sich jedenfalls sicher: "Maschinen können fast alles, was wir tun, besser als wir es können."
- KI ersetzt zunehmend Arbeitsplätze in den USA.
- Große Unternehmen reduzieren Belegschaft massiv.
- Arbeitslosigkeit steigt, neue Jobs schwer zu finden.
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Die neue Ära der Kostensenkungsmaßnahmen in Unternehmen trifft die amerikanischen Arbeitnehmer mit voller Wucht. Große Unternehmen wie Amazon und UPS bauen nach Jahren rasanten Wachstums Stellen ab und wollen ihre Belegschaft verkleinern. Während der Pandemiejahre 2020 und 2021 stockten sie ihre Belegschaften großzügig auf und gewährten hohe Gehaltserhöhungen, aus Sorge, ein zu langsames Vorgehen könnte zu einem Fachkräftemangel führen.
Vereinzelte Unternehmen geben nun zu, mit ihren Einstellungsoffensiven zu weit gegangen zu sein. Ihre größten Sorgen sind heute aufgeblähte Strukturen und ausufernde Kosten. Guy Berger, ein leitender Mitarbeiter des Thinktanks Burning Glass Institute sagte dazu: "Viele dieser Unternehmen haben festgestellt, dass sie zu groß sind."
Amazon gab am Mittwoch bekannt, weitere 16.000 Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale zu entlassen, nachdem bereits im Herbst 14.000 Stellen abgebaut wurden. Die Kürzungen entsprechen insgesamt rund 10 Prozent der Belegschaft von Amazon. Am Dienstag teilte UPS mit, in diesem Jahr zusätzlich zu den 48.000 Stellenstreichungen im Vorjahr, weitere 30.000 Stellen abbauen zu wollen.
Das Unternehmen müsse sich "optimieren". Ebenfalls am Dienstag kündigte das Social-Media-Unternehmen Pinterest an, seine Belegschaft um bis zu 15 Prozent zu reduzieren. Monatelang haben Unternehmenschefs und Arbeitsmarktökonomen darüber spekuliert, ob – und wann – Fortschritte in der künstlichen Intelligenz zu Massenentlassungen führen werden. Doch bisher ist es noch nicht zu nennenswerten Ergebnissen gekommen.
Die Branchen, die 2020 und 2021 besonders starke Einstellungszuwächse verzeichneten – Technologie und Logistik – sehen sich nun mit den meisten Entlassungen konfrontiert. Laut dem Outplacement-Unternehmen Challenger, Gray & Christmas kündigten US-amerikanische Arbeitgeber für 2025 den Abbau von 1,2 Millionen Stellen an – die höchste jährliche Zahl seit 2020. Der Technologiesektor führte alle Branchen des Privatsektors mit 154.445 Stellenstreichungen an, gefolgt von der Lagerhaltung mit 95.317.
Laura Ullrich, Leiterin der Wirtschaftsforschung bei der Jobplattform Indeed sagte: "Es geht hier immer noch um die Überbesetzung beziehungsweise den Einstellungsboom, der in der unmittelbaren Zeit nach der Pandemie stattfand." Hinter den Kulissen betonen CEOs, ihre Unternehmen seien nach wie vor zu groß und aufgebläht. Viele Führungskräfte gaben bei der Ankündigung von Stellenstreichungen an, die Entlassungen würden die Abläufe beschleunigen und den Mitarbeitern mehr Autonomie geben.
Beth Galetti, Senior Vice President für Mitarbeitererfahrung und Technologie bei Amazon, schrieb am Mittwoch in einer Mitteilung an die Belegschaft, Amazons Kürzungen zielten darauf ab, Managementebenen zu reduzieren und Bürokratie abzubauen: "Manche von Ihnen fragen sich vielleicht, ob dies der Beginn eines neuen Rhythmus ist – bei dem wir alle paar Monate umfassende Kürzungen ankündigen. Das ist nicht unser Plan."
Starbucks-Chef Brian Niccol erklärte, das Unternehmen werde voraussichtlich weniger Mitarbeiter in seinen zentralen Verwaltungszentren einstellen, dafür aber mehr Stellen in den Cafés der Kette schaffen. In einem Interview am Mittwoch sagte Niccol, das Unternehmen müsse prüfen, wo es seine Personalplanung mithilfe von Technologie effizienter gestalten könne. Die Arbeitslosenquote in den USA ist zwar gegenüber 2024 gestiegen, liegt aber deutlich unter dem Niveau vor der Pandemie.
Die Einstellungspraxis hat sich dennoch stark verlangsamt. Wer heute seinen Job verliert, findet oft nur schwer eine neue Stelle und bleibt länger arbeitslos. Laut Daten des Arbeitsministeriums der USA betrug die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit im Dezember 24,4 Wochen. Im Dezember 2022 lag dieser Wert bei 19,4 Wochen.
Hohe Zinssätze und die Unsicherheit bezüglich der Zölle belasten die Arbeitsmarktlage und veranlassen viele Unternehmen dazu, ihre Einstellungsaktivitäten vorerst auf Eis zu legen, sagte Lisa Simon, Chefökonomin des Arbeitsmarktdatenunternehmens Revelio Labs. Unternehmen investieren zudem Milliarden in KI, verlagern Ausgaben in Richtung Technologie und lassen weniger für Arbeitskräfte übrig.
Einige Ökonomen und CEOs gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft erst am Anfang einer Welle von Stellenstreichungen steht, da die zunehmende Verbreitung von KI immer mehr Arbeitskräfte überflüssig macht. Ökonomen von Goldman Sachs schätzen, dass KI im Jahr 2025 in den am stärksten betroffenen Branchen monatlich für 5.000 bis 10.000 Netto-Arbeitsplatzverluste verantwortlich war. Sie erwarten, dass diese Zahl bis 2026 auf 20.000 pro Monat steigen wird. Langfristig könnten durch KI 6 bis 7 Prozent aller derzeitigen Arbeitsplätze ersetzt werden, schrieben die Ökonomen der Bank in einer aktuellen Analyse. Allerdings dürfte KI durch die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums auch neue Arbeitsplätze schaffen.
Dan Schulman, CEO von Verizon Communications, erklärte vergangene Woche auf einem Panel des Weltwirtschaftsforums in Davos, Schweiz, dass sich der Arbeitsmarkt so rasant verändere, dass weitere Turbulenzen nahezu unvermeidlich seien. Er sagte: "Maschinen können fast alles, was wir tun, besser als wir es können." Logistikfirmen expandierten während der Pandemie massiv, da die Amerikaner mehr Geld für Online-Bestellungen ausgaben – von Heimtrainern bis hin zu Restaurantessen. Doch in letzter Zeit belasten die Unsicherheit bezüglich Zöllen und Handelsspannungen den Sektor, so Wirtschaftsexperten, während die Automatisierung den Bedarf an Arbeitskräften verringert.
Andy Decker, CEO des Personalvermittlungsunternehmens Goodwin Recruiting sagte: "Im heutigen Markt müssen die Menschen erkennen, dass das, was sie bisher getan haben, möglicherweise nicht das ist, was sie in Zukunft tun werden. Sie müssen sich ständig weiterentwickeln."
Autor: Paul Späthling, wallstreetONLINE Redaktion

