Schrott als Wertstoff
Wie Europa sein Aluminium verschleudert
Während die Abhängigkeit von Primäraluminium-Importen mittlerweile 87 Prozent überschritten hat, fließt der heimische Schrott nach Asien und in die USA ab.
Die europäische Aluminiumindustrie steht vor einem Paradox: Während sie verzweifelt nach Rohstoffen sucht, exportiert der Kontinent massenhaft genau das Material, das sie dringend benötigt. Über 1,2 Millionen Tonnen Aluminiumschrott verlassen jährlich die EU – ein Verlust, den sich Europa eigentlich nicht leisten kann.
Die Federation of Aluminium Consumers in Europe (FACE), die seit 1999 die Interessen der unabhängigen Aluminium-Weiterverarbeiter vertritt, schlägt nun Alarm. In einem Positionspapier aus Sommer des vergangenen Jahres warnt der Branchenverband vor einer sich verschärfenden Krise und fordert ein Maßnahmenpaket, das auch umstrittene Exportzölle umfasst.
Die ökonomische Logik des Recyclings
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Recyceltes Aluminium verbraucht 95 Prozent weniger Energie als die Primärproduktion. Für eine Industrie, die unter hohen Energiekosten ächzt, ist das entscheidend. Zudem reduziert die Schrott-basierte Produktion CO₂-Emissionen erheblich – ein Argument, das in Zeiten verschärfter Klimaziele kaum zu überschätzen ist.
Doch die EU nutzt diese Vorteile kaum. Während die Abhängigkeit von Primäraluminium-Importen mittlerweile 87 Prozent überschritten hat, fließt der heimische Schrott nach Asien und in die USA ab. 80 Prozent der Exporte sind zwar minderwertiges Post-Consumer-Material – Verpackungen, Bauabfälle, Konsumgüter. Doch zunehmend wandert auch hochwertiger Schrott ab: Leichtmetallfelgen, Profile, Bauteile. Abnehmer in den USA und Asien zahlen schlicht bessere Preise.
Drei strukturelle Probleme
FACE identifiziert drei zentrale Barrieren, die das Problem verschärfen:
Erstens: regulatorisches Chaos. Die EU-Zollcodes sind zu grob, um Schrott-Qualitäten zu unterscheiden. Gleichzeitig sind Branchencodes zu fragmentiert für eine einheitliche Politik. Hinzu kommt ein Dschungel aus nationalen Umweltvorschriften, die – oft unbeabsichtigt – das Recycling erschweren. Besonders kleine und mittelständische Betriebe, die das Rückgrat der Branche bilden, ersticken in Verwaltungsaufwand.

