Risse im System
Der US-Dollar verliert Relevanz – China steigt aus
Jahrzehntelang war der US-Dollar der unangefochtene Anker der Weltwirtschaft. Doch seit Monaten zeigt die Superwährung Risse. Neue Ankündigungen bringen langfristige Verluste.
- US-Dollar verliert an Dominanz, Risse werden größer.
- China reduziert Bestände an US-Staatsanleihen massiv.
- Protektionismus und Unsicherheit drücken den Dollar weiter.
- Report: Tech-Aktien schwanken – 3 Versorger mit Rückenwind
Massive Verluste beim US-Dollar, protektionistische Zollankündigungen und eine schwindende Rolle als "sicherer Hafen" versetzen Investoren schon seit mehreren Monaten in Unruhe. Jetzt droht ihm eine neue nicht zu unterschätzende Gefahr: China will sich verstärkt aus US-Staatsanleihen zurückziehen. Das könnte den Anfang vom Ende der Dollar-Dominanz mit sich bringen. Das auf die US-Währung fokussierte System hat Risse bekommen.
Besorgniserregende Signale kommen aus Peking. Chinesische Regulierungsbehörden haben die großen Banken des Landes angewiesen, ihre Bestände an US-Staatsanleihen (Treasuries) zu begrenzen und Positionen abzubauen, berichtet Bloomberg am Montag unter Berufung auf informierte Personen. Offiziell als Diversifizierung von Marktrisiken getarnt, sinkt dadurch die globale Nachfrage nach dem wichtigsten Dollar-Asset. Chinas Bestände an US-Schulden haben sich seit 2013 bereits fast halbiert und liegen auf dem niedrigsten Stand seit 2008.
Der Greenback blickt sowieso schon auf ein düsteres Jahr zurück. Nachdem er 2025 gemessen am Dollar-Index, der die Entwicklung gegenüber den sechs wichtigsten Weltwährungen widerspiegelt, mit einem Minus von 9 Prozent den stärksten Jahresrückgang seit acht Jahren verbuchte, setzt sich die Talfahrt Anfang 2026 fort. Trotz kurzzeitiger Erholungsversuche notiert der Dollar-Index aktuell erneut im Minus und hat seit Jahresbeginn weitere 1,1 Prozent eingebüßt. Was früher als undenkbar galt, wird am Devisenmarkt zur neuen Realität. Die US-Währung verliert ihren Status als Fels in der Brandung.
Hinter der Schwäche steht vor allem eine toxische Mischung aus geopolitischer Unsicherheit und der radikalen Kehrtwende in der US-Handelspolitik. Besonders die im April 2025 angekündigten "Liberation Day"-Zölle der Trump-Administration haben das Vertrauen nachhaltig erschüttert.
Strategen von Goldman Sachs betonen, dass die "Politik der Unsicherheit" dauerhaft sei. Anstatt der erhofften wirtschaftlichen Unterstützung lieferte das Weiße Haus neue Zoll-Drohungen, die das globale Regelwerk, dessen Garant die USA einst waren, untergraben. Wenn der Status als Reservewährung an der Rolle der USA als Sicherheitsgarant hängt, so Thierry Wizman von der Macquarie Bank, dann säen die Ereignisse des letzten Jahres den Zweifel an dieser Rolle.
Ein weiterer Belastungsfaktor ist die künftige Geldpolitik. Die Nominierung von Kevin Warsh zum neuen Fed-Chef sorgte nur kurz für Erleichterung. US-Präsident Trump stellte unmissverständlich klar, dass er keinen "Falken" akzeptiert hätte, der die Zinsen erhöhen will. Der Markt preist nun mindestens zwei Zinssenkungen bis zum Jahresende ein – ein Szenario, das den US-Dollar weiter drückt.
Die Verunsicherung treibt Investoren in "harte Assets". Gold erlebte 2025 eine Rekordrallye von über 60 Prozent und bleibt auch 2026 auf hohem Niveau. Auch Industriemetalle wie Kupfer und Silber profitieren vom "Dollar-Diversification-Trade". Parallel dazu erstarken Währungen wie der Schweizer Franken und der Euro, der am Montag wieder über der Marke von 1,19 US-Dollar kletterte.
Wie geht es weiter? Experten von Bank of America warnen zwar davor, bereits vom Ende des US-Dollars zu sprechen, da liquide Alternativen fehlen. Doch der Trend ist strukturell: Solange die USA auf Protektionismus setzen und die Unabhängigkeit der Notenbank politisch unter Druck steht, wird der Greenback seinen Glanz weiter verlieren. Die Ära der uneingeschränkten Dollar-Dominanz neigt sich dem Ende zu – die globale Finanzwelt dürfte sich künftig auf mehrere starke Währungen verteilen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

