Renditen ziehen an
US-Staatsanleihen werden wieder zum Risiko
Seit Ende Oktober steigen die Renditen der US-Staatsanleihen nahezu ununterbrochen. Neue Signale aus China und die Unsicherheit über den künftigen Kurs der Fed verschärfen die Krise.
- US-Staatsanleihen-Renditen steigen seit Ende Oktober.
- Chinas Banken begrenzen Käufe von US-Anleihen.
- Unsicherheit über Fed-Politik belastet Anleihemarkt.
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Der US-Anleihemarkt sendet seit Wochen ein klares Signal: Die Ruhe ist vorbei. Seit dem 22. Oktober, als die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe noch bei 3,95 Prozent lag, geht es – mit kleinen Unterbrechungen – stetig nach oben. Inzwischen hat sie die Marke von 4,25 Prozent erreicht, und der jüngste Anstieg zeigt, dass die Nervosität weiter zunimmt.
Ein zentraler Auslöser ist eine Nachricht aus China. Laut Informationen von Bloomberg haben chinesische Aufseher die Banken des Landes angewiesen, ihre Käufe von US-Staatsanleihen zu begrenzen und bestehende Engagements vorsichtig zurückzufahren.
Offiziell geht es um Risikodiversifikation, doch am Markt wird das Signal anders gelesen: Einer der wichtigsten ausländischen Gläubiger der USA wird vorsichtiger. Auch wenn ein abrupter Ausverkauf als unwahrscheinlich gilt, reicht bereits der Hinweis auf strukturell geringere Nachfrage, um die Renditen nach oben zu treiben.
Der Zeitpunkt ist heikel. Denn parallel wächst die Unsicherheit über die künftige Geldpolitik in den USA. Mit der Nominierung von Kevin Warsh als möglichem neuen Fed-Chef rücken grundlegende Fragen in den Fokus: Wie unabhängig bleibt die Notenbank? Und wie eng wird sie künftig mit dem Finanzministerium (Treasury) zusammenarbeiten?
Warsh hat in der Vergangenheit offen über ein neues Abkommen zwischen Fed und Treasury gesprochen – angelehnt an die historische Vereinbarung von 1951. Damals ging es darum, die Notenbank aus der Pflicht zu befreien, Staatsanleihen zur Finanzierung des Haushalts zu stützen. Heute fürchten Investoren das Gegenteil: eine stärkere Verzahnung von Geldpolitik und Schuldenmanagement. Schon der Eindruck, die Fed könnte künftig Rücksicht auf die explodierenden Zinskosten der US-Regierung nehmen, reicht aus, um Risikoaufschläge steigen zu lassen.
Es steht die Sorge im Raum, dass die Geldpolitik künftig explizit darauf ausgerichtet wird, die explodierenden Zinskosten für die US-Staatsschulden – derzeit rund eine Billion US-Dollar jährlich – künstlich niedrig zu halten. Was kurzfristig die Haushaltskasse entlasten würde, könnte langfristig die Inflation befeuern und das Vertrauen in die Stabilität der USA nachhaltig zerstören.
Hinzu kommt die Debatte um die gewaltige Fed-Bilanz. Warsh gilt als Kritiker der Anleihekäufe der vergangenen Jahre. Sollte er auf einen beschleunigten Umbau oder Abbau der Bestände drängen, könnte das Angebot am Markt steigen – mit entsprechendem Druck auf die Renditen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass eine explizite Abstimmung mit dem Finanzministerium die Inflationsbekämpfung verwässert.
Für Anleger ergibt sich daraus ein ungünstiger Mix: höheres Angebot, weniger ausländische Nachfrage, politische Unsicherheit und ein möglicher Strategiewechsel bei der Notenbank. Zwar halten viele Investoren US-Treasuries weiterhin für alternativlos, doch der Status als sicherer Hafen bröckelt. Gold, andere Rohstoffe und auch ausgewählte Nicht-Dollar-Anlagen profitieren bereits von dieser Neubewertung.
Die steigenden Renditen spiegeln ein wachsendes Misstrauen gegenüber der langfristigen Ausrichtung der US-Finanzpolitik wider. Sollte sich der Eindruck verfestigen, dass fiskalische Interessen zunehmend Einfluss auf die Geldpolitik nehmen, könnte der Aufwärtsdruck auf die Renditen anhalten – mit spürbaren Folgen für Hypothekenzinsen, Aktienbewertungen und den US-Dollar.
Der Anleihemarkt hat begonnen, diese Risiken einzupreisen. Und er dürfte damit noch nicht am Ende sein.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

