Kapital-Vernichtung?
Die 100-Jahre-Wette: Kann Google die Ewigkeit kaufen?
Alphabet schockt den Anleihemarkt mit 100-jährigen Bonds. Während der Tech-Gigant Milliarden verbrennt, stellt sich eine Frage: Kann ein Konzern länger überleben als ein Nationalstaat? Die Geschichte mahnt zur Vorsicht.
- Alphabet begibt 100-jährige Anleihe für KI-Investitionen.
- Hohe Risiken: Technologiewelt verändert sich rasant.
- Zukunft ungewiss: Nur wenige Firmen überdauern Epochen.
- Report: Favoritenwechsel - diese 5 Werte sollten Anleger im Depot haben!
Es ist ein Vorhaben, das gleichermaßen von großem Selbstbewusstsein wie von finanzieller Notwendigkeit zeugt: Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, begibt im Rahmen einer gigantischen Schuldenoffensive erstmals eine 100-jährige Anleihe. Damit ist Alphabet das erste Technologieunternehmen seit vielen Jahren, das es wagt, Investoren um Kapital zu bitten, das erst im Jahr 2126 zurückgezahlt werden muss.
Der Grund für diesen historischen Schritt ist der immense Hunger nach Bargeld. Um im globalen KI-Wettlauf gegen Microsoft und Meta nicht ins Hintertreffen zu geraten, hat Alphabet seine Investitionsausgaben für dieses Jahr auf astronomische 185 Milliarden US-Dollar hochgeschraubt, das entspricht etwa einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Rechenzentren und Chips für künstliche Intelligenz kosten Milliarden, und Alphabet zapft nun jeden verfügbaren Kanal an, um dieses "Moonshot"-Projekt zu finanzieren.
Doch 100 Jahre sind in der Technologiewelt mehr als nur eine Ewigkeit – es sind mehrere Epochen. Die Geschichte zeigt, dass nur jene Konzerne ein solches Alter erreichen, die ihre eigene Identität radikal opfern können.
- Siemens (gegründet 1847) wandelte sich vom Telegrafenbau über viele Zwischenschritte (erinnert sich noch jemand an die Siemens-Handys?) zur digitalen Industrie.
- IBM (1911) erfand sich von Lochkarten über Mainframes bis zum Quantencomputing immer wieder neu.
- Nokia (1865) begann als Papierfabrik, wurde zum Gummistiefel-Produzenten, zum Handy-Marktführer und schließlich zum Netzwerk-Ausrüster.
- Stihl (1926) und Loewe (1923) überlebten durch Spezialisierung und technologische Nischenführerschaft.
Alphabet hingegen setzt alles auf die Karte KI. Doch wie fragil dieser Status ist, zeigt das Beispiel Motorola. Im Jahr 1997, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, gaben sie ebenfalls Century Bonds aus. Heute ist von dem damaligen Glanz wenig übrig; die Marke ist zerschlagen und weit in der Bedeutungslosigkeit versunken. Immerhin: Obwohl die Hälfte des Unternehmens erst an Google und dann an Lenovo verkauft wurde, führt die andere Hälfte, Motorola Solutions, die Verpflichtungen (mit einem Kupon von etwa 5,22%) fort.
Noch drastischer war das Schicksal des Einzelhändlers J.C. Penney: Das Unternehmen meldete 2020 Insolvenz an – nur 23 Jahre nach der Emission seiner 100-jährigen Anleihe. Im Rahmen des Insolvenzverfahrens werden die Bonds als nachrangige, unbesicherte Forderungen behandelt und sind heute praktisch wertlos.
Investoren, die auf solche Laufzeiten setzen, spielen ein gefährliches Spiel mit den Zinsen. Aufgrund der extremen "Duration" reagieren diese Anleihen massiv auf Marktschwankungen. Ein Blick auf den Wellcome Trust ist ernüchternd: Dessen 2018 emittierte 100-jährige Anleihe und die drei Jahre später ausgegebenen 50-jährigen Bonds werden aktuell nur noch bei etwa 39 bis 44,6 Pence pro Pfund gehandelt, zeigen Bloomberg-Daten. Wer heute verkaufen muss, verbucht einen Verlust von über 50 Prozent seines Einsatzes.
Alphabet lockt Pensionsfonds und Versicherer mit der Aussicht auf langfristige Rendite in einem stabilen Marktumfeld (Sterling-Tranche). Doch die Geschichte des Sektors ist eine Geschichte der "schöpferischen Zerstörung". Während das Management heute Milliarden in Serverfarmen pumpt, muss ein Anleger darauf vertrauen, dass Google im Jahr 2126 noch eine Relevanz besitzt, die über ein historisches Fußnoten-Dasein hinausgeht.
Es bleibt die Weisheit der Baseball-Legende Yogi Berra: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Bei Alphabet betrifft die Prognose ein ganzes Jahrhundert – eine Zeitspanne, in der bisher fast jeder Tech-König – bis auf sehr wenige – in der Bedeutungslosigkeit verschwand.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

