"Erst schießen, dann fragen"
AI-Scare-Trade: Brutaler KI-Sell-off frisst sich jetzt durch ganze Branchen
Der sogenannte "AI-Scare-Trade" ist jetzt von Software auf Transport und Immobilien übergesprungen. Strategen warnen vor anhaltender Nervosität.
- AI-Scare-Trade betrifft nun Transport und Immobilien.
- KI-Entwicklung führt zu Verwerfungen in vielen Branchen.
- Strategen warnen vor anhaltender Nervosität am Markt.
- Report: Tech-Aktien schwanken – 3 Versorger mit Rückenwind
Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz sorgt an den Finanzmärkten für neue Verwerfungen – weit über den Technologiesektor hinaus. Während KI als Wachstumstreiber gefeiert wird, geraten immer mehr Branchen unter Druck. Immobilien-, Finanz- sowie zuletzt Logistik- und Frachtaktien zählen zu den jüngsten Verlierern.
Auslöser waren unter anderem Aussagen von Elon Musk, der in einem Podcast prognostizierte, dass Bürogebäude künftig leer stehen könnten, wenn KI Arbeitsplätze ersetzt. Auch Matt Shumer, Mitgründer von OtherSide AI, argumentierte in einem Essay, dass KI Einstiegsjobs für Angestellte überflüssig machen könnte – mit potenziellen Folgen für Büroflächen und Mietverträge.
Im Transportsektor wurde die Bedrohung konkreter: Das kaum bekannte Unternehmen Algorhythm Holdings stellte ein KI-Tool vor, das laut eigener Mitteilung "das Frachtmanagement von einem arbeitsintensiven, manuellen Prozess in ein hochautomatisiertes, intelligentes System verwandelt" und eine "vierfache Steigerung der Arbeitsproduktivität" ermögliche. Die Aktie sprang zeitweise um bis zu 79 Prozent und schloss 29 Prozent höher, obwohl die Marktkapitalisierung weiterhin unter 10 Millionen US-Dollar liegt. Zugleich verloren etablierte Logistikwerte wie C.H. Robinson, Universal Logistics, Maersk, UPS und Hub Group deutlich an Wert.
Jefferies-Analyst Jeff Favuzza beschrieb die Marktreaktion als aggressives "Erst schießen, dann fragen" für jeden Bereich, der mit KI in Verbindung gebracht werde. "Ich wünschte, wir hätten eine gute Antwort darauf, wann dies aufhört und was der Auslöser dafür ist", schrieb er an Kunden.
Zuvor hatten bereits Finanz- und Immobilienwerte unter KI-Sorgen gelitten, nachdem ein weiteres Start-up eine KI-gestützte Steuersoftware vorgestellt hatte. Auch Softwaretitel geraten weiter unter Druck: Die Aktie von AppLovin fiel trotz übertroffener Gewinnerwartungen um 19 Prozent.
Die wichtigsten Indizes reagierten nervös. Der Nasdaq Composite verlor rund zwei Prozent, S&P 500 und Dow Jones gaben ebenfalls nach.
Strategen warnen, dass sich der sogenannte "AI-Scare-Trade" ausweiten könnte. Thierry Wizman von Macquarie schrieb: "Der 'AI-Scare-Trade', der letzte Woche zum ersten Mal zu spüren war, hält die Händler weiterhin davon ab, das Risiko in US-Aktien zu sehr zu erhöhen." Sollte die Verunsicherung anhalten, könnte dies sogar die geldpolitische Debatte beeinflussen.
Wie schnell KI vom Experiment zum strategischen Risiko geworden ist, zeigt eine Studie des Conference Board: Fast drei Viertel der S&P-500-Unternehmen nennen KI inzwischen als wesentliches Risiko – 2023 waren es erst 12 Prozent. UBS-Stratege Matthew Mish spricht vom "durch KI ausgelöste[n] Ausverkauf im Februar" und betont, dass sich die Unsicherheit über Tempo und Ausmaß der Disruption nicht so schnell auflösen dürfte.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

