Lokomotive nimmt Fahrt auf
Der "kranke Mann" wird gesund: Deutschland schaltet auf Wachstum
Nach Jahren der Stagnation sendet die deutsche Industrie Signale der Besserung. Getragen von vollen Auftragsbüchern und politischen Impulsen schwenkt Europas größte Volkswirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad.
Der Optimismus stützt sich auf harte Fakten: Das vierte Quartal 2025 endete für die deutsche Industrie mit einem Paukenschlag. Ein deutliches Plus bei den Auftragseingängen von 9,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal markiert das Ende einer langen Durststrecke. Besonders ermutigend ist dabei, dass diese Dynamik nicht nur auf wenigen Großprojekten fußt, sondern auch in der Breite der Industrie ankommt. Selbst ohne Sondereffekte stiegen die Bestellungen vier Monate in Folge – ein klares Indiz für eine fundamentale Belebung der Nachfrage.
Für das laufende Jahr 2026 prognostiziert die Deutsche Bank einen Produktionsanstieg von 2 bis 3 Prozent, erklärte Eric Heymann, Senior Economist des Instituts. Dies wäre nicht nur das erste reale Plus seit 2021, sondern ein psychologisch wichtiger Befreiungsschlag, der die Erwartungen an die kommenden Jahre massiv nach oben schraubt.
Die Aussichten für die nächsten Monate und Jahre sind so gut wie schon lange nicht mehr – nicht zuletzt aufgrund einer ganzen Reihe hochkarätiger Wirtschaftsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten, Indien und Australien, die in den letzten Monaten vorangetrieben wurden.
Profitieren davon kann vor allem das exportstarke Deutschland, das jetzt von den milliardenschweren Konjunktur-Paketen des vergangenen Jahres profitiert. Diese Investitionen erweisen sich zunehmend als Katalysator für die Erholung. Hinzu kommen die Entlastung energieintensiver Unternehmen bei den Strompreisen und verbesserte Abschreibungsbedingungen für Investitionen, durch die Unternehmen eine bessere Planungssicherheit haben. Diese Impulse werden Volkswirten zufolge bis in das Jahr 2027 hinein wirken und der Industrie den nötigen Rückenwind verleihen, um sich von den Krisen der Vorjahre loszulösen.
Während sich die gesamte Industrie stabilisiert, ragen zwei Sektoren als Wachstumstreiber heraus:
- Verteidigungsindustrie: Angetrieben durch das Sondervermögen und die Neuausrichtung der europäischen Sicherheitspolitik erlebt die Produktion von Militärfahrzeugen und Ausrüstung einen historischen Hochlauf. Diese Branche fungiert aktuell als Innovations- und Jobmotor. Mit Rheinmetall (DAX), Hensoldt (MDAX) und Renk (SDAX) ist Deutschland hier gut aufgestellt
- Pharmaindustrie: Als "Fels in der Brandung" konnte die Pharmasparte bereits 2025 ein Plus von über 4 Prozent erzielen. Mit hohen Investitionen in Forschung und neue Produktionsstandorte in Deutschland trotzt dieser Sektor dem allgemeinen Kostendruck und unterstreicht die technologische Spitzenposition des Standorts. Hier stechen die Schwergewichte Bayer, Merck KGaA und Fresenius (alle drei DAX), sowie BioNTech (Nasdaq) hervor.
Trotz der positiven Signale bleibt für das Wachstum noch viel Luft nach oben. Das Produktionsniveau des gesamten verarbeitenden Gewerbes liegt aktuell noch rund 15 Prozent unter dem Rekordjahr 2018. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie oder Metallerzeugung haben noch einen weiten Weg vor sich, um die Verluste der letzten Jahre wettzumachen.
Damit aus der aktuellen Erholung ein dauerhafter Aufstieg wird, seien mutige Strukturreformen unverzichtbar, sagt Heymann. Die Reduzierung von Bürokratie, eine Senkung der Steuerlast und die Sicherung bezahlbarer Energie seien notwendig, um das volle Potenzial der deutschen Ingenieurskunst wieder zu entfesseln.
Deutschland hat die Talsohle durchschritten. Mit der Rückkehr zu positiven Wachstumsraten in der Industrieproduktion und einer stabilisierten Exportwirtschaft im Rücken kann der Blick jetzt wieder nach vorn gerichtet werden. Es wird auch Zeit. Wenn es gelingt, den aktuellen Schwung der Fiskalpolitik mit Reformen zu untermauern, steht einer Renaissance der deutschen Industrie im Jahr 2026 und darüber hinaus nichts im Wege. Die Lokomotive Europas nimmt wieder Fahrt auf.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

