Kritische Rohstoffe
Marokko, kritische Mineralien und der Umbau globaler Wertschöpfungsketten
Die neue Rohstoffpolitik wird im Processing, in der Infrastruktur und in der Governance entschieden.
Als Marokkos Außenminister Nasser Bourita Anfang Februar 2026 in Washington für einen „Loyalitätspakt" zwischen Produzenten, Verarbeitern und
Nutzern kritischer Mineralien wirbt, adressiert er ein Problem, das sich in strategischen Rohstoffdebatten zunehmend in den Vordergrund schiebt: Die Engpässe liegen nicht im Boden, sondern in den
institutionellen und industriellen Zwischenstufen, die aus Vorkommen verlässliche Lieferketten machen.
Bei dem von US-Außenminister Marco Rubio organisierten „Critical Minerals Ministerial" betonte Bourita, es fehle an verantwortungsvoller Entwicklung, an Vertrauen zwischen Staaten und an transparenten Rahmenbedingungen für Wertschöpfungsketten, die Wohlstand verteilen statt Risiken zu konzentrieren. Parallel dazu wurden Kooperationsformate zur Diversifizierung der Versorgung vorangetrieben.
Processing als Flaschenhals
Bouritas These – der Welt fehlten nicht Mineralien, sondern verantwortungsvolle Entwicklung – ist nur belastbar, wenn man Knappheit präzise definiert. In vielen Ketten entsteht der Flaschenhals nicht beim Abbau, sondern in der Verarbeitungsstufe: Aufbereitung, Raffination und chemische Konversion. Die Investitionshürden sind hier besonders hoch, weil Anlagen kapitalintensiv sind, Energie und Wasser benötigen, strenge Umweltauflagen erfüllen müssen und zugleich Qualitätskonstanz liefern müssen.
Eine aktuelle Analyse zur Rolle Marokkos in Batteriewertschöpfungsketten unterstreicht diese Verschiebung: Das Land verfügt über relevante Rohstoffe – Phosphate, Kobalt, Nickel, Mangan –, doch zusätzliche Exploration und Transformationsprozesse seien nötig, um Versorgung zu sichern und Wertschöpfung zu erhöhen. Der politische Kern: Rohstoffpolitik ist heute nicht primär Geologie, sondern industrielle Systemfähigkeit plus Regelkompatibilität mit den Zielmärkten.
Tanger Med als Trumpfkarte
Marokkos Anspruch auf geostrategische Relevanz beruht nicht allein auf der Geografie, sondern auf Knotenpunkten, die Lieferketten beschleunigen können. Der Hafenkomplex Tanger Med meldete für 2024 ein Containeraufkommen von 10,2 Millionen TEU (plus 18,8 Prozent gegenüber 2023), für 2025 werden 11,1 Millionen TEU genannt. Die zentrale Frage lautet: Kann ein Standort die Zwischenstufen der Wertschöpfung so integrieren, dass Abnehmer in EU und USA ihn als verlässlichen Teil ihrer De-Risking-Strategien akzeptieren? Infrastruktur zählt zu den wenigen Faktoren, die sich kurzfristiger verbessern lassen als die Geologie.

