Abschied von der Krone

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    22. Mitglied? Schweden nimmt den Euro ins Visier

    Jahrzehntelang war die schwedische Krone das stolze Symbol nationaler Unabhängigkeit. Doch im Schatten globaler Krisen und einer unberechenbaren Weltpolitik gerät das "Kronen-Dogma" ins Wanken.

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    Abschied von der Krone - 22. Mitglied? Schweden nimmt den Euro ins Visier

    Nach dem historischen NATO-Beitritt bereitet Stockholm nun den nächsten radikalen Bruch mit der Tradition vor: Den Abschied von der eigenen Währung. Was vor wenigen Jahren noch politischer Selbstmord war, wird heute in den Korridoren des Reichstags ernsthaft diskutiert. Schweden, das sich 2003 in einem Referendum mit 56 Prozent deutlich gegen den Euro entschied und für ein Festhalten an der Krone, erlebt eine tiefgreifende Identitätskrise. Der Auslöser ist derselbe, der das Land bereits in die NATO trieb: Ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit.

    In einer Ära, in der Russland die Grenzen Europas bedroht und die USA unter einer "America First"-Doktrin – inklusive skurriler Forderungen nach dem Kauf Grönlands – agieren, fühlen sich kleine Volkswirtschaften zunehmend exponiert. "Schweden steht mit einem Bein immer noch draußen", mahnt die liberale Abgeordnete Cecilia Rönn im Interview mit Bloomberg. Ohne den Euro fehle dem Land der Sitz am wichtigsten wirtschaftspolitischen Tisch Europas.

    Der "Calmfors-Effekt": Wenn Experten ihre Meinung ändern

    Besonders schwer wiegt das Umdenken von Lars Calmfors. Der einflussreiche Ökonom leitete vor der Abstimmung 2003 die Regierungskommission, die damals zur Vorsicht riet. Heute ist Calmfors einer der lautesten Befürworter. Seine Argumente haben sich verschoben:

    - Handelsvorteile: Die positiven Effekte des Euro auf Handel und Investitionen waren laut Calmfors größer als prognostiziert. Etwa 60 Prozent des Handels finden mit der Eurozone statt, das würde sich durch eine gemeinsame Währung stark vereinfachen.

    - Synchronität: Schwedens Wirtschaftszyklus ist heute weit enger mit der Eurozone verzahnt als vor 20 Jahren.

    - Finanzpolitischer Puffer: Dank niedriger Staatsverschuldung (etwa 33 Prozent des BIP im Vergleich zu über 80 Prozent in der Eurozone und 62,7 Prozent in Deutschland) kann Schweden Krisen auch ohne eigene Zinspolitik abfedern.

    Wirtschaft vs. Souveränität

    Für die schwedische Industrie ist die Krone Fluch und Segen zugleich. In Krisenzeiten wirkt die Währung nicht als sicherer Hafen, im Gegenteil, Investoren fliehen aus dieser verhältnismäßig kleinen Währung. Zwar wirkte diese Schwäche in der Vergangenheit oft als "Airbag" – eine schwache Krone macht Exporte billiger –, im vergangenen Jahr war alles anders und die Exporteure litten. Vor allem aber schreckt die hohe Volatilität Investoren ab.

    Im Jahr 2025 glänzte die Krone kurzzeitig als eine der stärksten Währungen weltweit (mit einem Plus von 16 Prozent gegenüber dem US-Dollar), doch dieser Erfolg wird oft als bloße Schwäche des Greenbacks interpretiert. Auch gegenüber dem Euro hat die Krone etwas zugelegt, aber bei weitem nicht so stark und reagierte gleichzeitig auf Neuigkeiten deutlich volatiler. Das haben mehrere schwedische Konzerne als Belastung ihrer Geschäfte beanstandet. Außerdem bleibt die Angst, dass die Krone bei der nächsten großen Krise, zum Beispiel im Baltikum, wie ein Stein fallen könnte.

    Die politischen Hürden

    Trotz der neuen Dynamik ist der Weg zum Euro kein Selbstläufer.

    - Die Gegner: Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) sehen in der Krone den letzten Schutzwall der Souveränität. "Ohne eigene Währung ist man kein unabhängiges Land", so die klare Absage.

    - Das Volk: Auch wenn die Zustimmung steigt (von 14 Prozent vor 10 Jahren auf 32 Prozent), ist eine Mehrheit (49,5 Prozent) nach wie vor skeptisch. Ein erneutes Referendum gilt als politisch unvermeidbar.

    - Die Zeit: Selbst wenn die Regierung nach der Wahl im September 2026 den Startschuss gibt, würde der Prozess (einschließlich der zweijährigen Testphase im WKM II) mindestens vier Jahre dauern. (In der Theorie. In der Praxis würde die Eurozone vermutlich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Schweden möglichst schnell aufzunehmen.) Für die Gemeinschaftswährung wäre Schweden das 22. Mitglied. Erst Anfang des Jahres wurde Bulgarien aufgenommen.

    Fazit: Euro gibt Sicherheit

    Schweden befindet sich in einem Prozess der "Europäisierung durch Druck". Während die Riksbank die Zinsen vorsichtig steuert, blickt die Politik immer öfter nach Frankfurt. Angesichts globaler Machtkämpfe hinterfragen immer mehr Schweden den Wert ihrer monetären Unabhängigkeit; die Risiken einer kleinen, volatilen Währung wiegen inzwischen schwerer als die Vorteile geldpolitischer Autonomie.

    Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion



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    Verfasst vonRedakteurIngo Kolf
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