Höhere Schulden als Microsoft
Schuldenkönig Oracle: Einstiegschance oder Griff ins fallende Messer?
Oracle schaltet den Turbo ein: Mit einer gigantischen Finanzierungsrunde rüstet sich der Software-Riese für das KI-Zeitalter. Trotz der jüngsten Rallye notiert das Papier noch immer deutlich unter dem Rekordhoch.
- Oracle startet 30 Mrd. USD Finanzierungsrunde.
- Aktie 53% unter Hoch, zuletzt starke Schwanken
- Analysten kürzen Ziele, Einstufung: Outperform
- Report: Favoritenwechsel - diese 5 Werte sollten Anleger im Depot haben!
Der Tech-Sektor erlebt derzeit einen rasanten Stimmungsumschwung, und kaum ein Unternehmen verkörpert diesen Wandel so sehr wie Oracle. Nachdem die Aktie in der vergangenen Woche mit einem Plus von 12 Prozent gegen den allgemeinen Markttrend schwamm, kehrte am Dienstag Ernüchterung ein: Das Papier verlor 3,9 Prozent und setzte den Abwärtstrend im nachbörslichen Handel fort. Aktuell notiert die Aktie bei 153,97 US-Dollar.
Doch hinter den kurzfristigen Kursschwankungen braut sich etwas Großes zusammen. Oracle hat angekündigt, zweistellige Milliardenbeträge aufzunehmen, um seine Infrastruktur für Künstliche Intelligenz (KI) massiv auszubauen.
Oracle hat eine massive Schuldenfinanzierung in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar auf den Weg gebracht und will damit die Vorherrschaft im Bereich der KI-Cloud-Infrastruktur gewinnen. Experten sehen darin einen mutigen Schritt. Die Analysten von BMO Capital bewerten die Kapitalaufnahme positiv: Durch die Kombination aus Fremdkapital, Stammaktien und Vorzugsaktien dürfte Oracle für das gesamte Jahr 2026 finanziell abgesichert sein. Weitere Kapitalerhöhungen seien vorerst nicht zu erwarten – ein Signal der Stabilität in unsicheren Zeiten.
Gleichzeitig ist die Schuldenlast mittlerweile so exorbitant, dass sie mit geschätzt über 108 Milliarden US-Dollar sogar deutlich größere Konzerne wie Microsoft (ca. 80 Milliarden US-Dollar) oder Amazon (ca. 65 Milliarden US-Dollar) weit hinter sich lässt. Dabei verfügt Oracle bei Weitem nicht über die zuverlässigen Einnahmen der größeren Tech-Konkurrenten.
Im Gegensatz zu stabileren Konzernen verbrennt Oracle aktuell durch den extremen Bau von KI-Rechenzentren Milliarden. Der freie Cashflow war zuletzt negativ (ca. -10 Milliarden US-Dollar im Quartal), was die Kreditwürdigkeit unter Druck setzt.
Analysten im Zwiespalt: Zwischen Kursziel-Kürzung und "Outperform"
Trotz der optimistischen Signale aus der KI-Sparte haben namhafte Analysehäuser ihre Kursziele zuletzt nach unten korrigiert:
- Citizens senkte kürzlich das Ziel von 342 auf 285 US-Dollar.
- BMO Capital korrigierte es von 270 auf 205 US-Dollar.
Warum dieser Pessimismus bei den Zahlen, während die Einstufung weiterhin auf "Outperform" bleibt? Die Experten machen dafür ein komplexes Geflecht aus technischen Faktoren verantwortlich. Die Verzögerungen bei der Finanzierung von Partner OpenAI, technischer Verkaufsdruck durch Pflichtwandelanleihen und Schlagzeilen über mögliche Prüfungen von Rechenzentren in Texas lasten schwer auf dem Kurs. Diese Faktoren überwiegen derzeit die eigentlich positiven Nachrichten über Oracles starke Positionierung im KI-Infrastrukturmarkt.
Die "Untouchables" auf dem Prüfstand
Lange Zeit galten die Oracle-Aktien aufgrund der enormen Verschuldung des Unternehmens als "unantastbar". Aktuell notiert die Aktie immer noch rund 53 Prozent unter ihrem Hoch von 2025. Für mutige Investoren könnte genau hier die Chance liegen. Viele Unternehmen im Umfeld des "OpenAI-Komplexes" wirken im Verhältnis zum langfristigen Potenzial der Künstlichen Intelligenz derzeit günstig bewertet.
Während Wettbewerber wie die "Neocloud"-Anbieter CoreWeave oder Nebius ebenfalls starke Zuwächse verzeichnen, profitiert Oracle von seiner breiten Aufstellung. Von Cloud-Lizenzen über Hardware bis hin zu IT-Services deckt der Konzern die gesamte Wertschöpfungskette ab.
Oracle spielt ein Spiel mit hohem Einsatz. Die kurzfristige Unsicherheit am Markt spiegelt die Angst vor der massiven Verschuldung und regulatorischen Hürden wider. Wer an die langfristige Revolution durch KI-Infrastruktur glaubt, findet bei Oracle ein Unternehmen vor, das zumindest für dieses Jahr finanziert ist und operativ auf Angriff geschaltet ist. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Stimmungswechsel von Dauer ist oder ob Oracle zum nächsten großen Sprung ansetzt.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

