Dollar-Stärke
Das Comeback des US-Dollars als sicherer Hafen ist ein Trugschluss
Der Iran-Krieg hat zu einer Rallye beim US-Dollar geführt. Einige feiern bereits die Rückkehr des Greenbacks als sicheren Zufluchtsort. Es steckt jedoch etwas ganz anderes hinter der vermeintlichen Stärke.
- Dollar-Rallye durch Öl/Gas, nicht Vertrauen...
- Energieimporte zwingen Euro, Yen, Yuan in US$.
- Bei Öl>100$ bleibt Dollar stark, sonst fällt..
- Report: Favoritenwechsel - diese 5 Werte sollten Anleger im Depot haben!
Die massiven Angriffe der USA und Israels auf den Iran und die darauffolgenden Vergeltungsschläge in der gesamten Region haben die Märkte weltweit in Turbulenzen gestürzt. Doch während die Aktienkurse vor allem in Europa und Asien nachgaben, passierte am Devisenmarkt etwas, das viele Beobachter unter der Ära Trump bereits für tot erklärt hatten: Der US-Dollar wertete kräftig auf. Der Dollar Index, der die Entwicklung gegenüber einem Korb der sechs wichtigsten Weltwährungen widerspiegelt, verzeichnete mit einem Plus von bis zu 1 Prozent, den stärksten Anstieg seit Januar.
Während erste Marktteilnehmer mutmaßen, dass der Greenback wieder der "sichere Hafen" in Krisenzeiten sein könnte, zeigt ein genauerer Blick: Die neue Stärke ist weniger blindes Vertrauen in die US-Politik als vielmehr eine einfache Kalkulation mit Blick auf die Entwicklung von Öl und Gas.
Seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus hatte die US-Währung massiv an Glanz verloren. Die Unsicherheit über die US-Wirtschaftspolitik, Handelskonflikte und geopolitische Alleingänge sorgten dafür, dass Investoren den Greenback eher mieden – ganz im Sinne der Trump-Administration, die einen schwächeren US-Dollar anstrebt, um die Exporte anzukurbeln.
Der aktuelle Kurssprung ist daher weniger ein Vertrauensbeweis in die politische Stabilität Washingtons, als vielmehr eine Folge der Energie-Abhängigkeiten. Als Nettoexporteur von Erdöl und Energieprodukten profitieren die USA paradoxerweise von steigenden Preisen, während andere Volkswirtschaften, die stark von Energieimporten abhängig sind, bluten.
- Japan und China: Der Yen und der Yuan gerieten kräftig unter Druck. Japan bezieht rund ein Drittel seiner Energie durch die Straße von Hormus – eine Route, die nun als hochgradig gefährdet gilt.
- Europa: Die Schließung der Hormus-Route trifft die EU hart, da darüber 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) transportiert werden. Die Gaspreise in Europa sprangen zeitweise um 50 Prozent nach oben. Da die USA mittlerweile 58 Prozent des EU-Gases liefern, fließt das Kapital zwangsläufig zurück in den Dollarraum. Und da Öl und Gas in US-Dollar gehandelt werden – Stichwort Petrodollar –, müssen beispielsweise die EU-Staaten Euro verkaufen, um US-Dollar zu kaufen und so ihre Energieimporte zu bezahlen. Das schwächt die Gemeinschaftswährung und stärkt den Greenback.
Lange Zeit war es an den Märkten populär, gegen den US-Dollar zu wetten. Doch die Eskalation zwingt Schwergewichte wie Allianz Global Investors oder JPMorgan zum Umdenken. Allianz-Anlagestratege Greg Hirt räumte im Bloomberg-Interview ein, dass man die Wetten gegen den Greenback vorerst neutralisieren müsse, da es kurzfristig gute Gründe gebe, den US-Dollar zu kaufen.
Gleichzeitig droht ein Teufelskreis: Ein steigender Dollar macht Öl für den Rest der Welt noch teurer, da Rohstoffe in Greenback gehandelt werden. Dies verschärft den Inflationsschock in Europa und Asien und schwächt deren Währungen weiter ab – eine selbsterfüllende Prophezeiung, warnen Barclays-Analysten.
Ausblick: Wochen statt Tage
Die Dauer des Konflikts wird entscheiden, ob die Dollar-Stärke von Bestand ist. Präsident Trump signalisierte bereits, dass die Militärkampagne Wochen, nicht Tage dauern werde. Sollte der Ölpreis dauerhaft über die Marke von 100 US-Dollar steigen, könnte der Greenback seine Rolle als Energiekrisen-Gewinner festigen – allerdings um den Preis einer globalen Wachstumsbremse.
In einem Marktumfeld, in dem Energie zur Waffe wird, stellt der US-Dollar tatsächlich einen relativ sicheren Ort dar, um den Sturm abzuwarten. Sobald sich eine Lösung des Konflikts abzeichnet, kann die Stimmung allerdings sehr schnell wieder kippen. Denn eigentlich gibt es aktuell eher ein Überangebot an Öl als einen Engpass. Und wenn die jetzige Stärke des US-Dollars hauptsächlich auf die hohen Energiepreise zurückzuführen ist, dann dürfte die strukturelle Schwäche der US-Währung wieder zum Vorschein kommen und die Rallye könnte in eine umso stärkere Talfahrt umschlagen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


