Iran-Krieg erschüttert Märkte
Öl, Inflation, Krieg: Droht der Wall Street der Kontrollverlust?
Strategen warnen: Der Iran-Krieg entzieht sich Trumps Kontrolle. Steigende Ölpreise und Inflationsrisiken setzen Aktien unter Druck.
Die Wall Street sendet ein ungewohnt klares Signal. Führende Strategen raten Investoren davon ab, auf eine erneute Rettungsaktion von Präsident Donald Trump zu setzen, wie Bloomberg berichtet. Der sogenannte Trump-Put greife im Iran-Krieg nicht.
Zwar machten die Aktien am Dienstag einen Teil ihrer Verluste wett. Doch Experten sehen darin eher Reflexe als belastbaren Optimismus. Der militärische Schlag der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran habe eine Dynamik entfacht, die sich politisch kaum einhegen lasse.
Krieg folgt eigener Logik
Bob Elliott, Chef-Investor des New Yorker Investmenthauses Unlimited, warnt vor falschen Erwartungen: "Das geht zurück auf den klassischen Satz über den Krieg, nämlich dass er, sobald er begonnen hat, eine eigene Dynamik entwickelt." Die Fähigkeit, Marktschmerzen zu lindern, sei diesmal begrenzt. Anders als am sogenannten Liberation Day habe Trump nicht die volle Kontrolle über die politischen Stellschrauben.
Der Konflikt destabilisiert den Nahen Osten. Steigende Ölpreise drohen der US-Wirtschaft einen neuen Inflationsschub zu versetzen. Zugleich fehlt ein klarer Zeitplan für ein Ende der Kampfhandlungen. Das Risiko unvorhersehbarer Folgen wächst.
Märkte bleiben erstaunlich robust
Im Unterschied zu früheren Krisen reagierten US-Aktien bislang vergleichsweise moderat. Der S&P 500 verlor am Dienstag 0,9 Prozent, nachdem er zwischenzeitlich 2,5 Prozent im Minus lag. Händler griffen bei Kursrückgängen wieder zu.
Steve Sosnick, Chefstratege bei Interactive Brokers, beschreibt das Muster so: "Wie bei jedem anderen Ausverkauf auch traten nach dem ersten Einbruch Käufer an einem logischen Unterstützungspunkt ein, und FOMO-getriebene Händler trieben die beginnende Erholung weiter nach oben."
Viele Marktteilnehmer haben sich daran gewöhnt, dass Trump bei starken Turbulenzen zurückrudert. Diese als TACO-Trade bekannte Strategie basiert auf der Annahme, dass der Präsident bei Druck einknickt. Doch Strategen zweifeln, ob das im Kriegsfall funktioniert.
Ölpreis wird zum Zünglein an der Waage
Trump kündigte an, Tanker im Persischen Golf mit Versicherungsgarantien und Marineeskorten zu schützen. Dennoch bleibt der Ölpreisanstieg ein Risiko. Höhere Energiepreise könnten die Inflation verschärfen und Zinssenkungen der Notenbank verzögern.
Ross Mayfield von Baird warnt vor nachhaltigen Schäden an der Ölinfrastruktur im Nahen Osten. Die Folgen könnten lange nachwirken, selbst wenn der Krieg rasch ende.
Matt Gertken von BCA Research hält erst einen deutlichen Markteinbruch für politisch wirksam. Es brauche das Risiko einer "marktbedingten Rezession" oder einen Kursrückgang von 10 bis 15 Prozent, um echten Druck auf das Weiße Haus auszuüben.
Auch Gina Martin Adams von HB Wealth Management sieht die Schwelle hoch: "Es muss noch viel tiefer gehen, bevor es für ihn wirklich zu einem Problem wird."
Historische Vergleiche greifen zu kurz
Lori Calvasina von RBC Capital Markets warnt vor simplen Rückgriffen auf frühere geopolitische Krisen. "Diese Erfahrung sowie das Jahr 2022, als Russland in die Ukraine einmarschierte und die USA einen starken Inflationsanstieg nach Covid erlebten, erinnern uns daran, dass es sehr schwierig ist, geopolitische Ereignisse isoliert zu betrachten, wenn es um den Aktienmarkt geht."
Keith Buchanan von Globalt Investments betont zudem, Trump kontrolliere nicht den "Aus-Schalter". "Es sind noch andere sehr mächtige Parteien beteiligt", sagte er. Der Konflikt sei "tiefgreifender und langwieriger als andere Situationen."
Damit steht fest: Anders als bei Handelszöllen oder innenpolitischen Machtspielen hängt das Schicksal der Märkte diesmal weniger von Washington ab als vom Ölpreis – und vom weiteren Verlauf eines Krieges, der sich politischer Feinsteuerung entzieht.
Autorin: Saskia Reh, wallstreetONLINE Redaktion

