Investoren wollen Geld zurück
Private-Credit-Krise erreicht Investment-Riesen Blackstone
Rekord-Abhebungen beim Flaggschiff-Fonds von Blackstone: Die Vertrauenskrise im 2 Billionen US-Dollar schweren Markt für Privatkredite erreicht den unangefochtenen Giganten der alternativen Investments.
Die Erschütterungen im US-Finanzsektor nehmen an Intensität zu. Was vor wenigen Wochen mit Liquiditätsproblemen beim Konkurrenten Blue Owl Capital begann, hat nun den Branchenprimus Blackstone erreicht. Der weltweit größte alternative Assetmanager sah sich im ersten Quartal mit Rückgabeforderungen in Rekordhöhe konfrontiert. Anleger wollten rund 3,8 Milliarden US-Dollar aus dem Flaggschiff-Fonds BCRED abziehen – das entspricht etwa 7,9 Prozent des Fondsvolumens.
Normalerweise begrenzt Blackstone die quartalsweisen Auszahlungen bei seinem 82 Milliarden US-Dollar schweren Kreditfonds streng auf 5 Prozent. Doch um eine Panik zu verhindern und das Vertrauen der Investoren zu sichern, hob das Management dieses Limit auf 7 Prozent an. Den restlichen Fehlbetrag von 0,9 Prozent beglichen Blackstone und seine Führungskräfte – darunter über 25 Senior-Partner – mit privaten Mitteln in Höhe von 400 Millionen US-Dollar aus eigener Tasche.
Dieser Schritt unterstreicht den Ernst der Lage. Analysten von JPMorgan werten die Entwicklung als "signifikanten Ausdruck der schlechter werdenden Anlegerstimmung". Während Institutionen wie Pensionskassen ihr Geld langfristig binden, verlieren vermögende Privatanleger, die über moderne Fondskonstrukte angelockt wurden, zunehmend die Nerven.
Das spiegelt sich auch an der Börse wider: Der Aktienkurs von Blackstone hat in den vergangenen sechs Monaten ein Drittel an Wert verloren. Für Blue Owl ging es in dem Zeitraum um mehr als 42 Prozent abwärts, für KKR um 32 Prozent und für Apollo um rund 20 Prozent.
Die toxische Mischung: KI-Angst und Bewertungszweifel
Drei Faktoren befeuern die aktuelle Krise im Private-Credit-Sektor, der inzwischen auf ein Volumen von rund 2 Billionen US-Dollar angewachsen ist:
- Das Software-Risiko: Private-Credit-Geber haben in den letzten Jahren massiv Kredite an mittelständische Software-Unternehmen vergeben. Schätzungen von Apollo zufolge machen diese Deals bis zu 40 Prozent des gesamten Marktes aus. Nun wächst die Angst, dass die Künstliche Intelligenz (KI) viele dieser Geschäftsmodelle sprengt. UBS-Strategen warnen bereits vor Ausfallraten von bis zu 15 Prozent, sollte die KI-Revolution die Kreditnehmer aggressiv unter Druck setzen.
- Mangelnde Liquidität: Fonds wie BCRED versprechen Anlegern zwar regelmäßige Ausstiegsmöglichkeiten, verleihen das Geld aber langfristig an Firmen, deren Kredite nicht einfach an der Börse verkauft werden können. Dieses Ungleichgewicht zwischen Vermögenswerten und Schulden wird in Krisenzeiten zur Falle: Fordern zu viele Anleger gleichzeitig ihr Geld zurück, müssen Kredite mit massivem Abschlag (Fire Sales) verkauft werden.
- Transparenzdefizit: Da die Kredite nicht öffentlich gehandelt werden, bestimmen die Fondsmanager die Bewertungen oft selbst. Kritiker wie Oaktree-Gründer Howard Marks warnen vor "kognitiver Dissonanz": Man wolle die drohenden Verluste in den Büchern schlicht noch nicht wahrhaben.
Dominoeffekt
Die Krise ist längst kein reines Wall-Street-Phänomen mehr. Wenn Riesen wie Blackstone, Apollo und KKR, die schwergewichtigsten Akteure im Private-Credit-Markt, in die Defensive geraten, versiegt die Lebensader für den US-Mittelstand. Erste Vorboten sind bereits sichtbar: Der Hedgefonds-Manager Boaz Weinstein wettet bereits offen gegen die Branche und bietet verzweifelten Anlegern an, ihre Anteile für lediglich 65 Cent pro US-Dollar abzukaufen.
Sollten weitere "Dominosteine" wie der Fondsanbieter Cliffwater – ein enorm wichtiges Bindeglied zwischen institutionellem Kapital (wie Pensionskassen) und dem Private-Credit-Markt – fallen, droht eine Kreditklemme, die weit über den Finanzsektor hinausreicht. Der "Wilde Westen" der Schattenbanken steht vor seiner härtesten Bewährungsprobe.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

