Erinnerungen an 2008
So stark könnten US-Aktien jetzt in wenigen Tagen fallen, warnt Goldman Sachs
Goldmans Chefstratege Peter Oppenheimer sieht mehrere Warnsignale am Markt. Geopolitische Schocks hätten den S&P 500 historisch häufig innerhalb weniger Wochen deutlich nach unten gedrückt.
Der globale Aktienmarkt zeigt laut Goldman-Sachs-Chefstratege Peter Oppenheimer zunehmend Warnsignale, die an die Zeit vor der Finanzkrise erinnern. In einer neuen Analyse warnt der Stratege, dass einige zentrale Bewertungsindikatoren mittlerweile wieder Niveaus erreicht haben, die Anleger besonders anfällig für negative Überraschungen machen.
Im Fokus steht vor allem die sogenannte Aktienrisikoprämie – also die zusätzliche Rendite, die Investoren für Aktien gegenüber sicheren Anlagen verlangen. Diese sei "stark gefallen und nun größtenteils wieder auf dem Niveau vor der Finanzkrise", schrieb Oppenheimer. Dadurch seien Aktienmärkte "anfälliger für Enttäuschungen oder Schocks", etwa durch geopolitische Spannungen, stärkeren Technologiewettbewerb oder eine ungünstige Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation.
Trotz dieser Warnung rechnet Oppenheimer derzeit nicht mit einem neuen Bärenmarkt. Vielmehr sieht er ein erhöhtes Risiko für eine kurzfristige Korrektur. Ein Grund dafür ist die Bewertungslage: Aktien seien inzwischen nicht nur in den USA teuer, sondern weltweit. Viele Märkte würden inzwischen "über ihren eigenen längerfristigen historischen Werten" gehandelt.
Der Stratege hat bereits in der Vergangenheit mit konträren Prognosen Aufmerksamkeit erregt. Schon 2024 warnte er vor überhöhten Bewertungen amerikanischer Aktien und riet Anlegern, stärker international zu diversifizieren – eine Strategie, die sich später auszahlte, als europäische und japanische Märkte zulegten, während US-Technologiewerte unter Druck gerieten. In einer langfristigen Prognose erwartet Oppenheimer für den S&P 500 über zehn Jahre lediglich durchschnittliche jährliche Renditen von etwa 6,5 Prozent, während Schwellenländer mit rund 11 Prozent deutlich bessere Perspektiven bieten könnten.
Ein zusätzlicher Risikofaktor ist laut Goldman die aktuelle Marktstruktur. Zyklische Aktien haben im vergangenen Jahr deutlich besser abgeschnitten als defensive Titel und werden inzwischen zu ähnlichen Bewertungen gehandelt. Dadurch fehlt ein klassischer Sicherheitspuffer, falls sich die Konjunktur eintrübt oder das Vertrauen der Anleger sinkt.
Gleichzeitig hat sich innerhalb des Marktes eine ungewöhnliche Rotation vollzogen. Technologieaktien haben eine ihrer schwächsten relativen Phasen gegenüber anderen Sektoren seit Jahrzehnten erlebt, während Industrieunternehmen teilweise mit höheren Bewertungsmultiplikatoren gehandelt werden als kapitalarme Softwarefirmen.
Trotz dieser Risiken bleibt das fundamentale Umfeld laut Goldman relativ stabil. Die Ökonomen der Bank erwarten für dieses Jahr ein Wachstum der US-Wirtschaft von rund 2,8 Prozent, und auch die globalen Gewinnschätzungen sind seit Jahresbeginn gestiegen – ein historisch eher positives Signal. Zudem gelten die Bilanzen von Haushalten, Unternehmen und Banken weiterhin als robust.
Historisch betrachtet führen geopolitische Schocks laut Oppenheimer häufig zu einer kurzfristigen Korrektur des S&P 500 von etwa sechs Prozent innerhalb von rund 18 Tagen, bevor sich die Märkte wieder stabilisieren. Genau darin sieht der Stratege auch diesmal das wahrscheinlichste Szenario. "Angesichts der aktuellen Bewertungen sehen wir ein hohes Korrekturrisiko", zitiert Fortune Oppenheimer, "erwarten jedoch, dass dies eine Kaufgelegenheit mit relativ geringem Risiko eines längeren und tieferen Bärenmarktes darstellt".
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

