Inflation zieht an
Ölpreis-Explosion könnte EZB zu Zinserhöhung zwingen
Während die Welt auf Zinssenkungen hoffte, zwingt der Nahost-Konflikt die EZB zum Umdenken. Insider und Analysten warnen: Eine Zinserhöhung am 19. März ist kein Tabu mehr.
Die Finanzmärkte befinden sich in einer abrupten Kehrtwende. Noch vor wenigen Wochen diskutierten Investoren darüber, wann die Europäische Zentralbank (EZB) im Jahr 2026 endlich die Zinsen senken würde, um die schwächelnde Wirtschaft zu stützen und den starken Euro zu bremsen. Doch am 19. März könnte das Gegenteil eintreten: Eine überraschende Zinsanhebung, die Schockwellen durch die Eurozone senden würde.
Der Haupttreiber dieser neuen Dynamik ist die Eskalation im Nahen Osten zwischen den USA, Israel und dem Iran. Was zunächst wie ein kurzfristiger Schock wirkte, entwickelt sich zu einem dauerhaften Inflationsrisiko. Bas van Geffen, Senior-Makrostratege bei der Rabobank, stellt fest, dass die Geldmärkte bereits umdenken: "Die Euro-Geldmärkte preisen bereits eine Wahrscheinlichkeit von rund 40 Prozent ein, dass die EZB die Zinsen noch vor Ende des Jahres anheben muss."
Die Daten untermauern diese Sorge. Im Februar stieg die Inflationsrate in der Eurozone auf 1,9 Prozent – höher als die erwarteten 1,7 Prozent – und das, bevor die massiven Störungen der Energieversorgung voll durchschlugen. Van Geffen schätzt, dass allein die jüngsten Energiepreissteigerungen die Inflation 2026 auf durchschnittlich 2,3 Prozent heben könnten, womit das Ziel der EZB erneut gerissen würde.
Das Trauma von 2022 sitzt tief
Innerhalb des EZB-Rats scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass man alte Fehler nicht wiederholen darf. Im Jahr 2022 wurde die EZB von der Inflation überrollt, weil sie den Preisschub zu lange als "vorübergehend" abtat. "Wir müssen um jeden Preis vermeiden, die Inflation als 'transitorisch' zu bezeichnen", warnt ein EZB-Ratsmitglied, das nicht namentlich genannt werden wollte, gegenüber Reuters. Ein anderer Insider ergänzt deutlich: "Die geldpolitischen Aussichten liegen jetzt in den Händen von Militärgeneralen."
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel, der sowieso zu den Zinsfalken zählt, mahnte ebenfalls zur Vorsicht: Sollten die Energiepreise über einen längeren Zeitraum erhöht bleiben, führe dies zwangsläufig zu höherer Inflation. Auch EZB-Vizepräsident Luis de Guindos betonte, dass die Zentralbank die Inflationserwartungen genau überwachen und ihre Geldpolitik entsprechend anpassen müsse, falls sich diese vom 2-Prozent-Ziel entfernen.
Stagflation als reales Szenario
Die Strategen von Morgan Stanley haben ihre Prognosen bereits angepasst und erwarten nun, dass die EZB die Zinsen bis weit in das Jahr 2026 hinein stabil hält, statt sie zu senken. Analysten von BNY Mellon gehen sogar noch einen Schritt weiter: Strategist Geoff Yu argumentiert, dass die aktuellen Marktpreise für Erdgas weit über den Annahmen der EZB liegen. Dies könnte die Notenbank zwingen, die Zinsen anzuheben, selbst wenn die Wirtschaft stagniert – ein klassisches Stagflationsszenario.
Fazit für den 19. März
Obwohl offizielle Stimmen wie der finnische Notenbankchef Olli Rehn zur Besonnenheit mahnen und vor hastigen Schlussfolgerungen warnen, hat sich die Rhetorik verschärft. Die EZB steht vor einem Dilemma: Erhöht sie die Zinsen am 19. März, riskiert sie, das ohnehin schwache Wachstum abzuwürgen. Reagiert sie jedoch nicht, droht ein dauerhafter Vertrauensverlust in ihre Fähigkeit, die Preise stabil zu halten.
Für Anleger bedeutet dies: Die Sitzung im März ist kein Routine-Termin mehr. Das Risiko einer Zinserhöhung ist realer, als es die offiziellen Verlautbarungen derzeit vermuten lassen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

