Preissprung
Kohle-Schock kann Krise bei deutscher Industrie auslösen
Öl und Gas waren erst der Anfang. Jetzt explodieren die Kohlepreise und bringen Schwergewichte wie Thyssenkrupp und BASF in existenzielle Not. Das könnte Arbeitsplätze gefährden.
- Kohlepreis auf 150$: Industrie-Sicherheitsnetz weg
- Thyssenkrupp, BASF & Co: Produktions- und Jobrisiko!!
- Importabhängigkeit macht Industrie verwundbar, Job
- Report: Energiepreisschock - Diese 3 Werte könnten langfristig abräumen!
Lange Zeit galt die Kohle als der ungeliebte, aber verlässliche Anker der deutschen Industrie. Während Erdgas nach dem Wegfall russischer Lieferungen zum Luxusgut wurde und der Ölpreis durch Nahost-Spannungen unberechenbar blieb, bot Steinkohle zumindest eine theoretische Ausweichroute. Doch diese Hoffnung ist am Montag zerschellt. Mit einem Preissprung der Newcastle-Futures auf 150 US-Dollar pro Tonne ist das letzte Sicherheitsnetz gerissen.
Für die deutsche Industrie bedeutet das nicht weniger als den perfekten Sturm. Wenn Gas, Öl und Steinkohle gleichzeitig im Preis explodieren, kollabiert das Geschäftsmodell der "Energierepublik Deutschland". Wir sprechen hier nicht mehr von sinkenden Margen, sondern von einer handfesten Existenzkrise.
Besonders drei Branchen stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie sind das Fundament unserer Wertschöpfungskette, doch ihre Hochöfen und Reaktoren sind unersättliche Energiefresser.
1. Die Stahlindustrie: Thyssenkrupp und Salzgitter
Die Stahlherstellung ist ohne Steinkohle (als Koks) aktuell nicht denkbar. Seit der Schließung der letzten deutschen Zeche Ende 2018 wird allerdings jegliche Steinkohle importiert. Das bedeutet also, dass wir nun auf dem Weltmarkt mit asiatischen Käufern um die verbleibenden Mengen konkurrieren. Der Preissprung auf 150 US-Dollar pro Tonne verteuert die deutsche Stromproduktion und die Stahlherstellung unmittelbar. Unternehmen wie Thyssenkrupp und Salzgitter benötigen gewaltige Mengen, um Eisenerz zu Roheisen zu reduzieren.
Das Problem: Der Umstieg auf "grünen Wasserstoff" steckt noch in den Kinderschuhen. Wenn die Kosten für den fossilen Energieträger Kohle um fast 10 Prozent an einem einzigen Tag steigen, werden deutsche Stahlprodukte auf dem Weltmarkt chancenlos gegen Konkurrenz aus Regionen mit niedrigeren Energiekosten (z. B. China oder USA).
Die Folge: Produktionskürzungen und die Stilllegung von Hochöfen drohen. Ein dauerhafter Stopp wäre für viele Standorte das endgültige Aus.
2. Die Chemiebranche: BASF und der Kaskadeneffekt
Der Chemieriese BASF nutzt fossile Rohstoffe nicht nur zur Energiegewinnung, sondern als Rohstoffbasis. Die gleichzeitige Verteuerung von Gas (als Energiequelle und Wasserstofflieferant) und Öl (als Basis für Vorprodukte) war bereits eine Herkulesaufgabe. Wenn nun auch die Kohlepreise – oft als Ersatz für die Stromerzeugung in Industrieparks genutzt – durch die Decke gehen, bricht die Kalkulation zusammen.
Das Risiko: Chemieprodukte stehen am Anfang fast jeder Lieferkette (Autobau, Pharma, Düngemittel). Teure Chemie bedeutet teure Endprodukte für alle.
3. Die Glas- und Keramikindustrie
Betriebe wie Schott oder mittelständische Glashersteller betreiben Wannen, die 24 Stunden am Tag befeuert werden müssen. Ein Abkühlen der Glasschmelze führt zum Totalschaden der Anlage. Hier gibt es keinen Sparmodus – nur "An" oder "Aus". Der Kohlepreis-Schock trifft jene Betriebe hart, die zur Stromerzeugung auf Steinkohlekraftwerke angewiesen sind, da der Strompreis am Markt durch den Brennstoffpreis bestimmt wird.
Was das für Unternehmen und Verbraucher bedeutet
Für die Unternehmen bedeutet dieser kombinierte Schock den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Mittelfristig werden Investitionen ins Ausland verlagert, wo Energie billiger ist – das kostet Arbeitsplätze. Zusätzlich belastet das aktuelle Preisumfeld die Refinanzierung dringend notwendiger Modernisierungen massiv.
Für die Verbraucher ist die Folge eine neue Welle der Inflation, die nun auch "hart" verbaute Güter trifft:
- Baukosten: Stahlträger, Glasfenster und Ziegel (deren Brennvorgang extrem energieintensiv ist) verteuern sich.
- Alltagsprodukte: Von der Plastikverpackung bis zum Medikament steigt alles im Preis, was petrochemische Vorprodukte benötigt.
- Arbeitsplätze: Wenn die Schwerindustrie wankt, hängen daran Hunderttausende Jobs in der Zulieferindustrie und im Handwerk.
Die Meldung aus Katar und die Reaktion der Kohlemärkte zeigen: Deutschland ist als Importnation von Steinkohle und LNG schutzlos. Wenn der "Fluchtweg Kohle" nun genauso teuer wird wie das "Problem Gas", steht die industrielle Basis des Landes vor einer Zerreißprobe, die durch politische Appelle allein nicht mehr zu lösen sein wird.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


