Aluminium
Europas Aluminium-Irrtum
Es ist eine Frage, die in den Einkaufsabteilungen und Geschäftsführungen der europäischen Aluminiumverarbeiter zunehmend laut gestellt wird: Wer spricht eigentlich für uns?
European Aluminium ist der große Dachverband der europäischen Aluminiumbranche. Er sitzt in Brüssel, er hat Zugang zu den Institutionen, er formuliert industriepolitische Positionen mit erheblichem Gewicht. Seinem Selbstverständnis nach vertritt er die gesamte Wertschöpfungskette: Von der Hütte bis zum Presswerk, vom Primärproduzenten bis zum mittelständischen Verarbeiter.
In der mittelständisch geprägten Praxis der Aluminiumverarbeiter aber wächst das Gefühl, dass ein zentraler Teil dieser Kette in der Verbandspolitik strukturell zu kurz kommt: die tausenden Betriebe, die Aluminium nicht erschmelzen, sondern verarbeiten. Die Karosserieteile stanzen, Kabel ziehen, Fassadenprofile extrudieren, Verpackungen fertigen und Stromschienen biegen. Die für ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht auf hohe Prämien angewiesen sind, sondern auf verlässliches Material zu vernünftigen Kosten.
Der Golf trifft sie zuerst
Die Golfkrise macht dieses Gefühl zur handfesten betriebswirtschaftlichen Realität. Die Straße von Hormus ist für Europas Aluminiumverarbeiter keine geopolitische Abstraktheit. Sie ist die Meerenge, durch die ein erheblicher Teil ihres Rohstoffs fließt. 1,3 Millionen Tonnen Primär- und Legierungsaluminium, immerhin 21 Prozent der gesamten europäischen Importe, kamen im vergangenen Jahr aus dem Nahen Osten und Ägypten. Die Golfregion liefert mehr als 20 Prozent der weltweiten Primärproduktion außerhalb Chinas.
Wenn dort die Lieferketten reißen, bekommen es die Verarbeiter als Erste zu spüren. Nicht die Primärproduzenten, die in einem solchen Moment sogar von steigenden Prämien profitieren können. Sondern die Presswerke, Walzbetriebe, Ziehereien und Gießereien, die Metall benötigen, um ihre Aufträge abzuarbeiten. Ihre Marge ist auf Materialverfügbarkeit, nicht auf Materialknappheit, ausgerichtet.
Die Verwundbarkeit ist strukturell. Europa ist bei Primäraluminium zu 87 Prozent importabhängig. Daran ändert sich in absehbarer Zeit nichts. Und die Golfregion war bislang einer der wenigen großen Produzenten außerhalb Chinas und Russlands, auf die europäische Abnehmer ohne politische Vorbehalte zurückgreifen konnten. Konnten.
Force Majeure: Wenn Lieferverträge wertlos werden
Wenn Produzenten wie Alba in Bahrain oder Qatalum in Katar beginnen, Force Majeure zu erklären oder Kapazitäten herunterzufahren, ist das für einen Verarbeiter im Mittelstand kein Schlagzeilenmaterial. Es ist ein Betriebsproblem. Sofort. Lieferverträge, auf die man sich verlassen hat, verlieren ihre Verbindlichkeit. Prämien steigen. Wartezeiten wachsen. Die Möglichkeit, Ansprüche gegenüber dem Lieferanten durchzusetzen, tendiert gegen null. Für Betriebe, die just-in-time produzieren, Lieferketten straff kalkuliert haben und deren Kunden keine Verzögerungen akzeptieren, ist das keine abstrakte Risikolage. Es ist ein Versorgungsschock in Echtzeit.

