Der Drache schweigt
Darum schweigt China zur US-Übernahme seiner Energiequellen
Peking hält sich in der aktuellen Weltlage auffallend zurück – selbst angesichts wegbrechender Öllieferungen. Ist das geopolitische Not oder steckt mehr dahinter?
- China wartet ab, zermürbt Gegner ohne Kampf...
- Peking diversifiziert Energie still und diskret
- Innenprobleme zwingen China zu Zurückhaltung..
- Report: Energiepreisschock - Diese 3 Werte könnten langfristig abräumen!
Wer die moderne chinesische Außenpolitik verstehen will, greift oft zu aktuellen Wirtschaftsdaten, aber vielleicht liegt der Schlüssel viel tiefer vergraben. Während westliche Hauptstädte mit Sanktionen, Waffenlieferungen und lautstarken Verurteilungen auf globale Krisen reagieren, herrscht in Peking eine Stille, die viele Beobachter als Schwäche deuten. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich eine "Strategie der Geduld".
Der Sieg ohne Schlacht: Die Erschöpfung der anderen
"Den Widerstand des Feindes ohne Kampf zu brechen, ist die höchste Kunst", schrieb der chinesische General Sun Tzu vor rund 2.500 Jahren in seiner "Kunst des Krieges". Das oberste Ziel ist dabei die Vermeidung des direkten Kampfes. Ein Sieg sollte ohne kostspielige und aufreibende Schlachten erreicht werden, indem der Gegner zermürbt wird, bis er schließlich aufgibt. In der aktuellen Geopolitik bedeutet das: China schaut zu.
Indem Peking sich nicht aktiv in die Konflikte im Nahen Osten, in Südamerika oder Osteuropa hineinziehen lässt, vermeidet es die enorme Ressourcenbindung, mit der der Westen aktuell kämpft. China spart seine Kräfte – militärisch wie finanziell – während die Konkurrenz sich in Zermürbungskriegen und diplomatischen Sackgassen aufreibt. Die Zurückhaltung ist kein Desinteresse, sondern eine Form der passiven Machtausübung.
Die Taktik der Unsichtbarkeit
Sun Tzu rät dazu, die eigenen Pläne "dunkel und undurchdringlich wie die Nacht" zu halten. Chinas Wortkargheit gegenüber dem Verlust wichtiger Öllieferanten aus sanktionierten Staaten wie Venezuela und Iran passt exakt in dieses Muster. Gleichzeitig werden die eigenen Ziele ohne viel Getöse im Hintergrund vorangetrieben. Das zeigt die Handelspolitik des Landes – Stichwort Seidenstraße – wie auch die unscheinbare Strategie zur Stärkung des Yuan mit dem Ziel, den US-Dollar als Leitwährung zu verdrängen.
Würde China lautstark gegen das US-Vorgehen protestieren, gäbe es dem Westen eine klare Zielscheibe für wirtschaftliche Gegenmaßnahmen. Stattdessen diversifiziert Peking seine Energieimporte im Stillen. Massive Investitionen in erneuerbare Energien und diskrete Deals mit Russland sind die "Wasser-Strategie" der Moderne: Man fließt um das Hindernis der Sanktionen herum, statt frontal dagegen anzurennen.
Die Kehrseite der Medaille
Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille, die andere zeigt, dass China derzeit kaum eine andere Wahl hat, als zuzusehen. Es geht hier auch um eine "Kunst des Überlebens".
1. Die brüchige Basis: Sun Tzu warnt davor, in die Ferne zu ziehen, wenn das eigene Haus nicht bestellt ist. China kämpft nach wie vor mit einer schweren Immobilienkrise, einer massiven Verschuldung der Provinzen und einer schrumpfenden Bevölkerung. Ein aggressives Auftreten auf der Weltbühne könnte Sanktionen provozieren, die der heimischen Wirtschaft empfindlich schaden würden.
2. Abhängigkeiten: Trotz aller Rhetorik von Autarkie bleibt China vom Zugang zu westlichen Märkten und Technologien abhängig. Ein offener Bruch wegen Venezuela oder dem Iran stünde in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis.
Fazit: Das lange Spiel
Peking folgt heute einer hybriden Logik. Zum einen lässt man den Gegnern den Vortritt auf dem Schlachtfeld der Schlagzeilen, während man gleichzeitig im Hintergrund die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Zukunft zementiert. Die Zurückhaltung mag wie Passivität wirken, ist jedoch hocheffizient. Sollen die USA doch mit den immensen Kosten für den Iran-Krieg und die Besetzung Venezuelas ihren Schuldenberg weiter hochtreiben. Bald könnte er nicht mehr finanzierbar sein. Und dann ist der Moment für den Drachen gekommen, sein Schweigen zu brechen.
In der Welt von Sun Tzu gewinnt nicht derjenige, der am lautesten brüllt, sondern derjenige, der ruhig wartet, bis der Gegner über seine eigenen Füße stolpert.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

