Gold-Notverkauf
Selbst riesige Goldreserven können die Lira nicht retten
Die türkische Zentralbank wirft tonnenweise Gold auf den Markt, um den Verfall der Lira zu stoppen – doch der Iran-Krieg und hausgemachte Krisen treiben die Währung auf immer neue Rekordtiefs.
- TCMB verkauft tonnenweise Gold zur Stützung der Lira
- Krieg Ölpreise und Zinsen verschärfen Währungskrise
- Goldreserven schrumpfen und Vertrauen in Lira schwindet
- Report: Vergessen Sie Gold, Silber und Öl: Nächste Megarallye startet!
In den Tresoren der türkischen Zentralbank (TCMB) herrscht aktuell Hochbetrieb, allerdings in die falsche Richtung. Um die Landeswährung Lira vor dem freien Fall zu bewahren, greift Ankara zu seinem wertvollsten Tafelsilber: dem Gold. Im März sanken die Bestände innerhalb von nur einer Woche um fast 50 Tonnen auf 772 Tonnen – der massivste Rückgang seit August 2018.
Die Strategie der Währungshüter ist so verzweifelt wie kostspielig. Im vergangenen Monat hat die Zentralbank schätzungsweise 60 Tonnen Gold veräußert oder in Swap-Geschäfte (Tausch gegen Devisen) gegeben. Ziel ist es, nach dem Ausbruch des Iran-Krieges dringend benötigte Dollar-Liquidität zu generieren, um die Lira am Devisenmarkt künstlich zu stützen.
Doch die Ironie ist kaum zu übersehen: Jahrelang kaufte die Türkei aggressiv Gold, um sich vom US-Dollar unabhängig zu machen ("De-Dollarisierung"). Nun muss sie genau dieses Gold verpfänden, um kurzfristig an eben jene US-Dollar zu kommen.
Der "perfekte Sturm": Krieg, Öl und Zinsen
Trotz der massiven Interventionen – Schätzungen zufolge wurden seit Kriegsbeginn insgesamt zwischen 30 und 49 Milliarden US-Dollar der Reserven verbrannt – markierte die Lira am Dienstag neue Allzeittiefs gegenüber US-Dollar und Euro. Die Gründe sind vielfältig:
- Energiepreise: Als massiver Energieimporteur leidet die Türkei unter Ölpreisen, die von 70 auf über 100 US-Dollar pro Barrel gesprungen sind. Das vergrößert das Handelsbilanzdefizit und heizt die ohnehin horrende Inflation (März: 30,9 Prozent) weiter an.
- Kapitalflucht: Ausländische Investoren ziehen ihr "Hot Money" in Rekordtempo ab. Und auch der Tourismus, eine wichtige Quelle für Auslandsdevisen, schwächelt. Die Frühbuchungen liegen aktuell um 50 Prozent unter dem Vorjahr, während die Reservierungen sogar um 80 Prozent niedriger sind.
- Politisches Risiko: Ökonomen warnen, dass politische Spannungen, wie ein mögliches Vorgehen gegen die Opposition, die Lira bis auf 100 Lira je US-Dollar stürzen lassen könnten.
Schwindende Puffer
Die Lage ist prekär, da die Bruttoreseven zwar noch bei rund 177,5 Milliarden US-Dollar liegen, die Nettoreserven (ohne Swaps) jedoch massiv eingebrochen sind. Vieles von dem, was die Zentralbank ausgibt, ist lediglich geliehenes Geld von heimischen Banken. Alle drei großen Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit der Türkei auf "Junk"-Niveau. Fitch senkte vor wenigen Tagen den Ausblick von "positiv" auf "stabil" und verwies auf "plötzliche und erhebliche Veränderungen" im Risikoprofil des Landes.
Trotz der milliardenschweren Intervention der Notenbank am Devisenmarkt und der Gewaltigen Gold-Verkäufe scheint der Markt das Vertrauen in die Lira weiter zu verlieren. Auf dem Großen Basar in Istanbul werden US-Dollar bereits mit Aufschlägen zum offiziellen Kurs gehandelt – oft ein Vorbote für noch tiefere Abstürze. Die Goldreserven, einst Stolz der türkischen Unabhängigkeit, schmelzen dahin, während der Abwärtstrend der Lira ungebrochen bleibt.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

