Das Dollar-Dilemma
"Wir empfehlen, den Dollar zu verkaufen" – Warum die US-Währung einknickt
Der Iran-Konflikt trieb den US-Dollar auf Höhenflüge, doch jetzt stürzt die Währung auf Vor-Kriegs-Niveau. Die weitere Talfahrt scheint garantiert. Eine Analyse der neuen Realität.
- US-Dollar fiel auf Vor-Kriegs-Niveau, weitere Talfahrt
- Strukturell überbewerteter Dollar, Kapital fließt raus
- Dollar-Recycling bricht, Zuflüsse in Anleihen fallen
- Report: Vergessen Sie Gold, Silber und Öl: Nächste Megarallye startet!
Es ist eine paradoxe Situation an den Devisenmärkten: Während die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten die Weltordnung weiterhin in Atem halten, verliert die vermeintlich sicherste Währung der Welt massiv an Boden.
Der US-Dollar-Index (DXY), der die Entwicklung des Greenback gegenüber den sechs wichtigsten Weltwährungen widerspiegelt, hat mittlerweile alle Gewinne seit Ausbruch des Iran-Konflikts Ende Februar wieder abgegeben. Das ist kein Zufall, sondern die Bestätigung einer lang gehegten These, sagt George Saravelos, Chef-Währungsstratege der Deutschen Bank. Denn der US-Dollar sei strukturell überbewertet und die Welt beginne, sich umzuorientieren.
"Wir empfehlen, den DXY-Dollar-Index zu verkaufen, da wir mit einer breit angelegten Schwäche des US-Dollars bis auf neue Zyklustiefs rechnen", bringt es Saravelos auf den Punkt. Mit Blick auf den Euro rechnet der Devisenstratege mit einem Durchbrechen der Marke von 1,20 US-Dollar je Euro.
Die USA können sich eine Fortsetzung des Konflikts kaum leisten. Die immensen Kosten für militärische Unterstützung, die Sicherung der Handelswege und die gleichzeitig hohen Zinsen zur Inflationsbekämpfung belasten den US-Haushalt in einem Maße, das selbst für die größte Volkswirtschaft der Erde prekär wird. In den Marktpreisbildungen spiegelt sich zunehmend die Erwartung wider, dass Washington zu ernsthaften Verhandlungen gezwungen ist. Sobald das Szenario einer "ewigen Eskalation" vom Tisch verschwindet, fällt das kriegsbedingte Sicherheits-Premium des US-Dollars weg. Was bleibt, ist ein Land mit massiver Verschuldung und schwindendem Zinsvorteil.
Lange Zeit galt Saravelos als einsamer Rufer in der Wüste, als er trotz der Krise vor einer schwachen US-Währung warnte. Doch die Daten geben ihm nun recht. Während die Fed den Gipfel ihres Zinszyklus erreicht zu haben scheint, zeigen sich Zentralbanken in Europa und Japan überraschend restriktiv. An den Geldmärkten ist eine Zinserhöhung der EZB noch in diesem Monat zu 44 Prozent eingepreist, bis zum Jahresende wird sogar mit drei Zinsschritten gerechnet, berichtet Reuters. In den USA hingegen sei mit einer Zinssenkung im Laufe dieses Jahres zu rechnen, erklärte Janet Yellen, die ehemalige US-Finanzministerin und Ex-Vorsitzende der US-Notenbank, am Mittwoch auf dem HSBC Global Investment Summit in Hongkong. Kapital sucht sich den Weg des höchsten Zinsertrags – und der liegt immer öfter außerhalb der USA.
Auch aus Asien kommt kaum noch Unterstützung für die US-Währung. Nachdem Länder wie Indien und Südkorea verstärkt US-Dollar kaufen mussten, um die höheren Ölpreise zu zahlen, haben sie Preisdeckel bei Treibstoffen eingeführt und so den Energiepreis-Schock abgefedert. Der asiatische Konsument steht heute oft besser da als der amerikanische, was den US-Dollar als "sicheren Hafen" gegenüber dem Yuan oder dem Won unattraktiv macht.
Besonders brisant ist die Erosion des sogenannten Dollar-Recyclings. Jahrzehntelang flossen Überschüsse aus dem Ölverkauf fast automatisch zurück in US-Staatsanleihen. Doch dieser Automatismus bricht. Die Nachfrage nach US-Staatsanleihen und die Zuflüsse in US-ETFs durch ausländische Investoren sind massiv eingebrochen, zeigen Daten der Federal Reserve und von Deutsche Bank Research.
Der Markt wettet nicht mehr auf die Stärke der USA, sondern auf die Erschöpfung des Systems. Sollten die Verhandlungen mit dem Iran tatsächlich Früchte tragen, könnte dies den Startschuss für eine mehrjährige Schwächephase des US-Dollars markieren.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

