Der Ölpreis täuscht
96 US-Dollar am Markt – doch ein Barrel kostete schon 286 US-Dollar
HSBC-Chef Georges Elhedery nennt einen Extremfall nach Sri Lanka. Fracht, Versicherung und Kriegsrisiken treiben reale Kosten teils massiv nach oben.
- Reale Ölpreise steigen wegen Fracht und Versicherung
- Straße von Hormus birgt massives Rezessionsrisiko
- Hohe Frachtraten und Versicherungskosten treiben Preise
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Am Ölmarkt kehrt auf den ersten Blick etwas Ruhe ein. Nach den heftigen Ausschlägen der vergangenen Tage notiert Brent wieder bei rund 96 US-Dollar je Barrel und damit in etwa auf dem Niveau vor dem jüngsten Scheitern der Friedensgespräche zwischen den USA und dem Iran. Auslöser für die Entspannung sind Hoffnungen auf neue Verhandlungen und eine mögliche Verlängerung des aktuellen Waffenstillstands. Doch hinter dem Rückgang der Ölpreise wächst die Sorge, dass die tatsächliche Belastung für Verbraucher und Volkswirtschaften deutlich größer ist, als es die Kurstafeln vermuten lassen.
Davor warnt Georges Elhedery, Chef der HSBC. Seine größte Sorge für die Weltwirtschaft seien Störungen durch eine Schließung oder faktische Blockade der Straße von Hormus – jener Meerenge, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels läuft. Entscheidend sei nicht allein der offizielle Marktpreis, sondern was Abnehmer tatsächlich zahlen müssten. "Was mich beunruhigt, sind nicht die Schlagzeilen", sagte Elhedery bei Bloomberg TV. Zwar lägen die Schlagzeilenpreise bei 100 oder 110 US-Dollar. "Realistisch gesehen zahlen Sie, wenn Sie jetzt versuchen, Öl aus dem Nahen Osten zu beschaffen, vielleicht 140, 150 US-Dollar."
Grund dafür sind explodierende Zusatzkosten. Frachtraten, Versicherungsprämien und Sicherheitsaufschläge haben sich infolge des Konflikts massiv verteuert. Für Transporte aus dem Roten Meer würden allein 30 bis 40 US-Dollar pro Barrel fällig, hinzu kämen deutlich höhere Versicherungskosten. Der Preis für Öl "von Tür zu Tür" liege daher weit über dem offiziell gehandelten Marktpreis. Als Extrembeispiel nannte Elhedery eine Lieferung nach Sri Lanka, bei der ein Barrel Öl insgesamt 286 US-Dollar gekostet habe.
Parallel dazu mehren sich die Warnungen vor wirtschaftlichen Folgen. Ken Griffin, Chef des Hedgefonds Citadel, sieht bei einer länger anhaltenden Schließung der Straße von Hormus ein massives Rezessionsrisiko. Bleibe die Route sechs bis zwölf Monate blockiert, werde die Welt in eine Rezession geraten, sagte Griffin laut CNBC. Auch der International Monetary Fund warnte zuletzt vor einer globalen Abschwächung, sollten Krieg und hohe Energiepreise anhalten.
Zugleich hat die International Energy Agency ihre Erwartungen für den Ölmarkt gesenkt. Die Behörde rechnet sowohl bei Angebot als auch Nachfrage mit weniger Dynamik und reduzierte ihre Prognose für das Nachfragewachstum deutlich.
Damit bleibt die Lage widersprüchlich: Während Händler auf diplomatische Entspannung setzen und fallende Futures feiern, kämpft der physische Markt weiter mit Engpässen, hohen Kosten und geopolitischer Unsicherheit. Der Ölpreis an der Börse erzählt derzeit nur einen Teil der Wahrheit.
Autorin: Gina Moesing, wallstreetONLINE Redaktion

