Das Ende der Berechenbarkeit
Europa, Asien wenden sich von den USA ab – "strategisches Vertrauen" schwindet
Während Washington durch interne Kämpfe und erratische Außenpolitik das globale Vertrauen verspielt, versinkt die Welt in Instabilität und Misstrauen. Ein Systemwechsel steht bevor.
- USA verlieren Vorhersehbarkeit und globales Vertrauen
- China bietet eine berechenbare geopolitische Alternative
- Kapital bleibt bei US Märkten trotz Misstrauen
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Jahrzehntelang basierte die globale Stabilität auf der Annahme, dass die USA als erste unter Gleichen nach festen Regeln spielen. Man wusste, wie Washington reagiert. Doch im vergangenen Jahr ist diese Gewissheit kollabiert. An ihre Stelle ist das getreten, was Analysten den "TACO-Trade" nennen – die riskante Wette darauf, dass US-Präsident Donald Trump im Zweifel vor Marktverwerfungen zurückweicht. Eine Wette, die angesichts der aktuellen Eskalation im Iran wie eine Verharmlosung eines viel ernsteren Problems wirkt.
Der Kern der Entwicklung ist nicht nur die militärische Härte, sondern der Verlust der Vorhersehbarkeit. Die USA werden von Verbündeten und Gegnern gleichermaßen nicht mehr als verlässlicher Akteur wahrgenommen. Ob es der unprovozierte Streit um Grönland war oder die Angriffe auf die Unabhängigkeit der eigenen Federal Reserve: Das Fundament des "strategischen Vertrauens" ist erodiert, erklärte Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan gegenüber Reuters.
Früher akzeptierten Partner die Hierarchie mit den Vereinigten Staaten an der Spitze, weil sie im Gegenzug Sicherheit und Zugang zum größten Konsummarkt der Welt erhielten. Heute agiert Washington zunehmend impulsiv. Der Krieg im Iran wurde ohne Kongressdebatte und ohne Rücksprache mit Alliierten entfesselt. Wenn die Führungsmacht eines regelbasierten Systems die Regeln selbst ignoriert, bricht das System von innen heraus zusammen. Das Ergebnis ist eine Welt, in der jeder Akteur gezwungen ist, "vom Schlimmsten auszugehen", wie es Balakrishnan treffend formulierte.
Trotz dieses politischen Chaos klammert sich das globale Kapital weiterhin an die USA. Es ist ein Paradoxon: Man traut der US-Politik nicht mehr, aber man kommt an ihren Märkten nicht vorbei. Der US-Dollar bleibt die Reservewährung, weil liquide Alternativen fehlen, und die KI-Revolution – angeführt von Giganten wie Microsoft, Alphabet, Amazon und den bald börsennotierten OpenAI und Anthropic – zementiert die wirtschaftliche Relevanz der USA. Doch dieser Status ist fragil. Wenn das Vertrauen so weit sinkt, dass die Kapitalkosten für die USA steigen, könnte der technologische Vorsprung allein den Abstieg nicht mehr aufhalten.
In dieses Vakuum würde gerne China vorstoßen. Mit scharfer Rhetorik hat Präsident Xi Jinping vor wenigen Tagen den "moralischen Verfall" der westlich geführten Ordnung beklagt und vor einem Rückfall in das "Gesetz des Dschungels" gewarnt. Während Washington Blockaden im Persischen Golf verhängt, will sich Peking als besonnener Vermittler positionieren.
Chinas Strategie ist subtil, aber effektiv. Es bietet eine Alternative zum "erratischen" Washington an, die auf Souveränität und Multipolarität setzt. Dass dies bei europäischen Partnern verfängt, zeigt der Besuch des spanischen Premierministers Pedro Sánchez diese Woche in Peking. Spanien verweigert US-Kampfflugzeugen den Überflug und sucht stattdessen mehr Nähe zu China. Für Xi ist dies ein Triumph: Er muss die USA nicht in einem direkten Konflikt besiegen. Es reicht, wenn die USA die Grenze zwischen einer liberalen Demokratie und einem Befehlssystem selbst verwischen – etwa durch direkte Staatseingriffe in die Wirtschaft (wie Investments in Tech- und Bergbaufirmen).
Wir erleben keinen plötzlichen Zusammenbruch der alten Weltordnung, sondern eine schleichende Absicherung gegen die erratische US-Politik durch mehr Diversifikation. Verbündete bauen parallele Institutionen und alternative Zahlungssysteme auf. China gewinnt derzeit dadurch, dass es die Sehnsucht der Welt nach Berechenbarkeit bedient. Europa kann nur deswegen nicht als Alternative aufrücken, weil es nicht mit einer klaren Stimme spricht, aber dennoch sind die Kapitalzuflüsse in europäische Aktien Anfang 2026 explodiert. Wenn es mehr Einigkeit gäbe, hatte Europa eigentlich die besten Chancen zu übernehmen, wenn die US-geführte Weltordnung endet. Eigentlich.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

