Fiskalische Sensation
Rekord-Überschuss: Griechenland lässt Deutschland und die Schweiz alt aussehen
Während Europas Schwergewichte in Schulden versinken, liefert das einstige Sorgenkind Griechenland Rekordzahlen. Die Sparziele für 2025 dürften massiv übertroffen werden.
- Griechenland steuert 2025 auf hohen Primärüberschuss
- Gesamtüberschuss nach Zinsen bei rund 1,6 Prozent
- Staatsschulden bleiben hoch bei rund 150 Prozent
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Es ist eine Ironie der Wirtschaftsgeschichte, die vor einem Jahrzehnt niemand für möglich gehalten hätte. Das Land, das einst den Fortbestand der Eurozone gefährdete und unter drakonischen Sparauflagen litt, hat sich zum fiskalischen Musterschüler gewandelt. Aktuelle Daten zeichnen ein Bild, das in Brüssel und Berlin für Staunen sorgen dürfte: Griechenland steuert 2025 auf einen massiven Haushaltsüberschuss zu, der weit über den ursprünglichen Erwartungen liegt.
Athen hat die wichtigsten Fiskalkennzahlen für das Jahr 2025 um mindestens einen Prozentpunkt übertroffen, berichtet Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise. Besonders beeindruckend ist der sogenannte Primärüberschuss – also die Bilanz aus Einnahmen und Ausgaben vor Zinszahlungen. Während die Regierung ein ohnehin ambitioniertes Ziel von 3,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verfolgte, deuten die aktuellen Schätzungen nun auf einen Wert von 4,8 bis 4,9 Prozent hin.
Doch damit nicht genug: Selbst nach Abzug der Zinslast für die hohen Altschulden bleibt Griechenland ein Gesamtüberschuss von rund 1,6 Prozent des BIP übrig. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland kämpft derzeit mühsam um die Einhaltung der Schuldenbremse und kam zuletzt auf ein Defizit von 2,7 bis 2,8 Prozent, während die Schweiz zwar einen Überschuss erwirtschaftet, aber von lediglich 0,5 Prozent. Länder wie Frankreich oder Italien weisen hingegen Defizite auf, die weit jenseits der Maastricht-Grenze von 3 Prozent liegen.
Griechenland muss allerdings auch möglichst hohe Überschüsse erzielen, um die Zinsen für seine immense Schuldenlast zu bedienen und das Vertrauen der Investoren zu behalten. Die Schweiz hat eine der niedrigsten Schuldenquoten der Welt (ca. 37 Prozent des BIP) und muss niemandem mehr etwas beweisen. Deutschland liegt dank kreativer Buchführung bei etwa 63 Prozent und Griechenland immer noch bei rund 150 Prozent (nach dem Rekord von 206 Prozent im Pandemiejahr 2020).
Die zuletzt freundliche Entwicklung in Griechenland ist kein Zufallsprodukt oder ein statistischer Ausreißer. Sollten sich die Zahlen bei der offiziellen Veröffentlichung der EU-Fiskaldaten am 22. April bestätigen, wäre es das vierte Jahr in Folge, in dem die griechische Regierung ihre eigenen Finanzziele übertrifft.
Diese neugewonnene Stabilität hat Griechenland nicht nur zurück in den Bereich des "Investment Grade" bei den großen Ratingagenturen geführt, sondern verschafft dem Land auch dringend benötigten politischen Spielraum. Denn die geopolitischen Turbulenzen im Nahen Osten und die allgemeine Schwäche der Weltwirtschaft gehen auch an der Ägäis nicht spurlos vorbei. Experten erwarten, dass Griechenland seine Wachstumsprognose für 2026 von ursprünglich 2,4 auf etwa 2,0 Prozent nach unten korrigieren muss.
Dennoch demonstriert Griechenland derzeit eine Form der fiskalischen Resilienz, die im globalen Vergleich fast nur noch von rohstoffreichen Staaten wie Norwegen oder den Golfstaaten erreicht wird. Während die großen G7-Nationen mit strukturellen Defiziten und steigenden Zinslasten ringen, nutzt Athen seine Überschüsse, um Schulden aktiv abzubauen und gleichzeitig soziale Puffer zu schaffen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion

