Anders als im Ukraine-Krieg
Was der neue Energieschock wirklich für Europas Industrie bedeutet
Energiepreise steigen, die Märkte zittern: Doch die Analysten von Goldman Sachs und Deutsche Bank sind überraschend entspannt. Warum sich der Schock von 2022 nicht wiederholt, und wen er diesmal härter trifft.
- Analysten sehen kein Wiederaufleben der Krise 2022
- Industrielle Produktion bis 2027 rund zwei Prozent
- Öl statt Gas belastet breite Industrie und Exporte
- Report: Vergessen Sie Gold, Silber und Öl: Nächste Megarallye startet!
Brent-Öl auf 88 US-Dollar, Erdgas auf 40 Euro je Megawattstunde: Der Nahost-Konflikt und das Hin und Her in der Straße von Hormus treiben die Energiepreise seit Wochen in die Höhe. Und doch sind sich Goldman Sachs und Deutsche Bank in einem einig: Was Europa gerade erlebt, ist kein Déjà-vu der Energiekrise von 2022.
Goldman-Sachs-Ökonom Niklas Garnadt rechnet damit, dass der aktuelle Preisschock die industrielle Produktion im Euroraum bis Ende 2027 um rund zwei Prozent unter das Vorkonfliktniveau drückt – halb so viel wie beim letzten großen Einbruch, als eine Delle von vier Prozent entstand. Damals hatten Stahl, Chemie und andere energieintensive Branchen ihre Produktion um rund 15 Prozent gedrosselt. Ähnliche Kapazitätsschließungen seien diesmal deutlich unwahrscheinlicher, so Goldman.
Die Deutsche Bank ergänzt die industriepolitische Analyse um eine Marktperspektive: Der rasche Rebound an den Aktienmärkten sei kein Zeichen von Selbstgefälligkeit, sondern rational begründet. Brent-Futures für die nächsten sechs Monate notieren derzeit unter 80 US-Dollar. Ein klares Signal, dass Investoren keinen anhaltenden Stagflationsschock einpreisen. Zudem liege die Inflation mit rund zwei Prozent in der Eurozone inzwischen deutlich näher am Ziel als Anfang 2022, als die Verbraucherpreise knapp sechs Prozent erreicht hatten. Die Notenbanken müssen deshalb nicht mit aggressiven Zinserhöhungen reagieren.
Beide Häuser betonen zudem eine strukturelle Verschiebung gegenüber 2022: Der aktuelle Schock sei öl- statt gasdominiert. Das hat Folgen für die betroffenen Branchen. Nicht mehr nur chemische oder metallverarbeitende Betriebe geraten unter Druck, sondern die gesamte Industrie, inklusive Maschinenbau und Exporteure. Gleichzeitig hat die Krise einen globaleren Charakter: Während 2022 Europa weitgehend allein unter explodierenden Gaspreisen litt und chinesische Konkurrenten einen massiven Kostenvorteil hatten, treffen die Ölpreisanstiege Asia und Europa heute ähnlich hart. Der Wettbewerbsnachteil für europäische Industrien fällt damit merklich geringer aus.
Ein Risiko bleibt: Durch breitere Nachfrageeffekte könnte der Schock das Wachstum stärker bremsen als 2022, auch wenn die aktuellen Konjunkturdaten noch Expansionssignale senden. Der US-Jobmarkt zeigte zuletzt seinen stärksten Monatszuwachs seit über einem Jahr, die europäischen Einkaufsmanagerindizes halten sich im Wachstumsbereich.
Autor: Julian Schick, wallstreetONLINE Redaktion
