Die verwundbare Flanke der USA
Wie ein deutsches Unternehmen die USA in die Knie zwingen könnte
Berlin sucht nach Hebeln gegen US-Zölle und stößt auf Kali-Dünger. Ein deutsches Unternehmen hält den Schlüssel zur US-Landwirtschaft.
- Berlin sondiert Kali-Lieferstopps als Druckmittel
- K+S Bethune-Mine in Saskatchewan als Schlüsselfaktor
- Ottawa und Saskatchewan lehnen Exportbeschränkungen ab
- Report: Vergessen Sie Gold, Silber und Öl: Nächste Megarallye startet!
Die transatlantischen Beziehungen zwischen Berlin und Washington befinden sich auf einem historischen Tiefpunkt. Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz den US-geführten Krieg gegen den Iran scharf kritisierte, reagierte US-Präsident Donald Trump gewohnt impulsiv: Er kündigte den Abzug von über 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an und neue Handelsbarrieren.
Während die Angst vor Autozöllen die deutsche Industrie lähmt, bereiten Regierungsstellen hinter verschlossenen Türen eine Gegenstrategie vor. Das Ziel: Die Identifizierung strategischer Schwachstellen in den US-Lieferketten. Das überraschende Ergebnis dieser Analyse trägt den Namen Kali, wie Bloomberg aus informierten Kreisen erfahren hat.
Was zunächst nach einem Nischenprodukt für die Landwirtschaft klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Achillesferse der USA. Über 90 Prozent ihres Bedarfs an Kali-Dünger müssen die Vereinigten Staaten importieren. Ohne diesen Rohstoff würden die Erträge im "Corn Belt" und den landwirtschaftlichen Zentren der USA – Trumps wichtigster Wählerbasis – dramatisch einbrechen.
Hier kommt Deutschland ins Spiel. Zwar ist Kanada der weltweit größte Exporteur, doch ein entscheidender Akteur auf dem nordamerikanischen Markt ist die K+S Group aus Kassel. Mit ihrer Bethune-Mine in der kanadischen Provinz Saskatchewan betreibt das deutsche Traditionsunternehmen eine der modernsten Förderstätten der Welt. Deutsche Beamte prüfen nun ein brisantes Szenario: Könnte man K+S dazu bewegen, die Lieferungen in die USA im Falle eines Handelskrieges gezielt zu drosseln?
Die Strategie hat jedoch einen Haken: Die Mine liegt auf kanadischem Boden. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil reist in dieser Woche nach Kanada, um das Terrain zu sondieren. Doch die Regierung in Ottawa unter Premierminister Mark Carney zeigt sich bisher wenig begeistert von der Idee, Rohstoffe als politische Geisel zu nehmen. Auch innerhalb Kanadas regt sich Widerstand: Der konservative Premierminister von Saskatchewan, Scott Moe, lehnt Exportbeschränkungen oder Sondersteuern auf Kali kategorisch ab.
Für Deutschland stellt sich die Frage der Machtprojektion: Kann Berlin ein privates Unternehmen wie K+S dazu zwingen, gegen seine wirtschaftlichen Interessen zu handeln, um politischen Druck in Washington aufzubauen? Rechtlich und moralisch wäre dies ein hochumstrittener Schritt, der das liberale Welthandelsmodell endgültig beerdigen könnte.
Präsident Trump hat die Gefahr offenbar bereits erkannt. Um die Abhängigkeit von westlichen Alliierten wie Kanada und Deutschland zu verringern, vollzog Washington im März eine spektakuläre außenpolitische Kehrtwende. Die USA hoben Sanktionen gegen den belarussischen Staatsbetrieb Belaruskali auf – den einstigen Paria des Welthandels.
Im Gegenzug für die Freilassung von 250 politischen Gefangenen durch Machthaber Alexander Lukaschenko darf Belarus nun wieder den US-Markt bedienen. Lukaschenko ging sogar noch weiter und bot Trump den Kauf einer kompletten Kali-Mine für drei Milliarden US-Dollar an. Ein diplomatischer Coup, der die deutsche Verhandlungsposition schwächt, noch bevor sie voll ausgespielt werden konnte.
Offiziell betont Berlin, man bevorzuge eine Verbesserung der Beziehungen gegenüber einem zerstörerischen Schlagabtausch. Doch die Tatsache, dass solche Szenarien überhaupt detailliert durchgespielt werden, zeigt, wie tief das Misstrauen sitzt.
Der "Dünger-Poker" verdeutlicht die neue Realität der Ära Merz/Trump: Es geht nicht mehr nur um Diplomatie, sondern um die Identifizierung gegenseitiger schmerzhafter Abhängigkeiten. Ob Deutschland seinen Kali-Hebel tatsächlich ansetzt, wird davon abhängen, wie hart Trump die deutsche Autoindustrie trifft. Immerhin ist es schonmal ein Fortschritt, dass Deutschland überhaupt solche Szenarien durchspielt und sich nicht einfach in allen Punkten der Supermacht beugt.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


