Mehr Schulden als BIP
Warum Amerikas wachsender Schuldenberg gefährlicher ist als 1946
Die USA steuern auf eine historische Rekordverschuldung zu. Doch anders als nach dem Zweiten Weltkrieg folgt heute wohl kein Boom, sondern eine globale Kernschmelze am Anleihenmarkt.
- Staatsverschuldung über 100 Prozent des BIP steigend
- Verschuldung ist strukturell durch Alterung und Kosten
- Schwindende Nachfrage nach Treasuries erhöht Crashrisiko
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In den Vereinigten Staaten ist der Schuldenberg mittlerweile so hoch, dass er die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes übertrifft. Zum Ende des ersten Quartals ist die Staatsverschuldung (nicht zu verwechseln mit der Bruttoverschuldung) über die Marke von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen, wie aus Daten des Congressional Budget Office (CBO) hervorgeht. Das war bislang erst dreimal in der Geschichte der Fall: nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Finanzkrise und nach Corona.
Die Bundesbehörde geht davon aus, dass die Quote bis zum Jahr 2030 auf 107 Prozent des BIP klettern könnte. Damit würde die größte Volkswirtschaft der Welt den bisherigen Allzeit-Rekord von 106 Prozent aus dem Jahr 1946 offiziell übertreffen. Doch während damals auf einen Schlag die Kriegsausgaben wegfielen und eine Zeit gewaltigen Wachstums eingeläutet wurde, ist heute kein Silberstreif am Horizont in Sicht.
Denn der Kontext hat sich fundamental gewandelt. Im Jahr 1946 war der Schuldenberg das Resultat einer einmaligen, gewaltigen Kraftanstrengung – des Zweiten Weltkriegs. Als die Waffen schwiegen, sanken die Militärausgaben drastisch. Gleichzeitig setzte das "Wirtschaftswunder" ein: Eine junge, wachsende Bevölkerung und bahnbrechende industrielle Innovationen ließen das BIP so stark hochschnellen, dass die Schuldenquote innerhalb von drei Jahrzehnten auf rund 33 Prozent zusammenschrumpfte. Die USA wuchsen schlicht aus ihren Schulden heraus.
Heute ist die Lage ganz anders. Die aktuelle Verschuldung ist strukturell. Sie wird nicht durch einen temporären Krieg getrieben, sondern durch eine alternde Gesellschaft, explodierende Kosten im Gesundheitswesen und eine politische Blockade, die notwendige Steuerreformen oder Ausgabenkürzungen verhindert. Während 1946 die "Demografische Dividende" half, wirkt heute der demografische Wandel als Brandbeschleuniger.
Die gigantischen Schuldenberge, die in den letzten Jahrzehnten angehäuft wurden, müssen über US-Staatsanleihen (Treasuries) finanziert werden, und das könnte zum Problem werden. Über Jahrzehnte galten diese Papiere als das sicherste Investment der Welt. Doch die Fundamente dieses Vertrauens bröckeln.
Ein zentrales Problem ist der schwindende "Convenience Yield". Früher kauften Investoren US-Anleihen nicht nur wegen der Zinsen, sondern wegen ihrer unübertroffenen Liquidität und Sicherheit. Man zahlte quasi eine Prämie, um sein Geld dort parken zu dürfen. Doch das ist heute nicht mehr der Fall. Dieser "Sicherheits-Bonus" tendiert heute gegen Null. Anleger suchen vermehrt reale Rendite statt bloßen Schutz.
Zudem ziehen sich die einstigen Anker-Käufer zurück. Ausländische Zentralbanken, allen voran China und Japan, haben ihren Appetit auf US-Schulden verloren. Zwar springen private Investoren ein, doch diese sind weit weniger loyal: Sie fordern bei steigendem Risiko sofort höhere Zinsen. Und das könnte den USA gefährlich werden. Denn eine Blase am Anleihenmarkt ist deutlich gefährlicher als ein Aktien-Crash, da US-Staatsanleihen der Referenzzins für das gesamte globale Finanzsystem sind.
Sollte der Markt das Vertrauen verlieren und die Renditen für Treasuries sprunghaft ansteigen, hätte dies einen fatalen Domino-Effekt. Wenn die Basis-Zinsen steigen, verteuern sich sofort Hypotheken, Autokredite und Unternehmenskredite. Eine Kreditklemme droht. Höhere Zinsen machen aber auch Aktien unattraktiver, was zu einem massiven Ausverkauf an den Börsen führen könnte. Und dann dürfte es auch noch zu einer Bankenkrise kommen, da diese Institute enorme Mengen an Staatsanleihen in ihren Büchern halten. Sinken deren Kurse (was sie bei steigenden Zinsen tun), drohen massive Bilanzlöcher.
Die Hoffnung ruht derzeit auf einer "Wunderheilung" durch Künstliche Intelligenz. Die Theorie: KI steigert die Produktivität so massiv, dass die Steuereinnahmen sprudeln und die Schuldenquote – wie nach 1946 – von selbst sinkt. Doch darauf zu wetten, ist ein hochspekulatives Spiel. Bleibt der KI-Boom aus, stehen die USA und vielleicht auch die ganze Welt, vor einem Scherbenhaufen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion


